4. Etappe TdS 2000

 

 

16.06.00 - Camenzind Etappenzweiter

In der ersten TdS-Etappe der Wahrheit hat es für die im Vorfeld favorisierten Dominatoren des Giro d'Italia eine Schlappe abgesetzt. Sieger des 4. Teilstücks mit dem 10 km langen Schlussaufstieg nach Verbier wurde der Franzose Pascal Hervé. Der frühere Festina-Profi übernahm zugleich die Gesamtführung. Stark fuhren auch Oscar Camenzind und Laurent Dufaux.

[newswindow] - Die beiden Schweizer mit den besten Aussichten auf einen Spitzenplatz im Gesamtklassement rehabilitierten sich für das enttäuschende Abschneiden 24 Stunden zuvor. Camenzind beendete die Bergetappe mit 39 Sekunden Rückstand als Zweiter und rückte im Gesamtklassement auf Rang 3 vor (47 Sekunden zurück). Zwischen Hervé und Camenzind liegt überraschend Jan Ullrich (De), der im Zeitfahren von heute (Samstag) in Siders nun gute Chancen hat, das Leadertrikot zu übernehmen.

Gegenschlag der Schweizer

Der Gegenschlag der Schweizer erfolgte knapp 40 km vor dem Ziel in der Abfahrt nach dem Drittkategorie-Bergpreis “Bois Noir.” 25 Fahrer vermochten sich vom Feld abzusetzen, unter ihnen Ullrich, Camenzind und Dufaux, der gleich drei Helfer zur Seite hatte, nicht aber Garzelli, Casagrande und Simoni, die drei Gesamtersten des Giro. Vorab unter dem Tempodiktat von Dufaux' Saeco-Leuten wuchs der Vorsprung bis zum Beginn der Schlusssteigung auf mehr als zwei Minuten an.

Die Reaktion der italienischen Mannschaften im Feld blieb erstaunlich bescheiden. Dies überraschte umso mehr, als Giro-Sieger Stefano Garzelli sein Team zuvor während der ganzen Rundfahrt exponiert hatte. Garzelli verlor schlieslich mehr als 10 Minuten und wird den Gesamterfolg aus dem Jahr 1998 nicht mehr wiederholen können. Zu den Geschlagenen gehörte auch der Gesamtzweite Marcel Strauss, der fast acht Minuten einbüsste. Francesco Casagrande setzte im Alleingang zum Konter an und hielt sich die Chancen einigermassen aufrecht, wie 1999 zu triumphieren.

Schon die erste Bergetappe bewirkte unerwartet grosse Zeitdifferenzen. “Als wir bemerkten, dass jene Leute, die uns am Vortag 30 Sekunden abgenommen hatte, nicht dabei waren, sind wir zugefahren. Zuerst die Helfer, dann haben Laurent und ich selber Tempo gemacht. Aber dass es so grosse Zeitabstände gibt, habe ich vor dem Start nie erwartet”, sagte Camenzind zur entscheidenden Aktion. “Geplant war dies nicht, aber natürlich wollten wir uns revanchieren.” Camenzind fühlt sich nach der siebenwöchigen Rennpause (Erkältung) bei Weitem noch nicht in Bestform, “aber es geht aufwärts. Vor allem hat mir diese Etappe wieder Moral gegeben.”

Dem Antritt Hervés 8 km vor dem Ziel vermochten Dufaux und Camenzind jedoch nichts entgegenzusetzen. Der schon 36-jährige Franzose kam erstaunlich leicht weg. Auch die Gefahr, eingeholt zu werden, verflog rasch. Er löste Michael Boogerd (Ho), der ebenfalls reichlich Zeit einbüsste, als Gesamtführenden ab, womit es nun jeden Tag einen Leaderwechsel gegeben hat.

Wenn Hervé zu grossen Taten ansetzt, fährt freilich auch immer eine Prise Argwohn mit. Hervé gehörte vor zwei Jahren jenem Festina-Team an, das wegen Dopings von der Tour de France ausgeschlossen worden war. Neben Richard Virenque war er hernach der Einzige, der den Gebrauch von verbotenen leistungsfördernden Substanzen nie zugegeben hat. Aus Solidarität zu seinen damaligen geständigen französischen Teamkollegen, die sechs Monate gesperrt wurden, legte Hervé (mehrheitlich über den Winter) ebenfalls eine halbjährige Rennpause ein.

Im vorigen Jahr fuhr er mit wenig Erfolg ebenfalls noch für Festina, auf diese Saison hin wechselte Hervé, der einst erst als 30-Jähriger Profi geworden war, jedoch zur italienischen Sportgruppe (Polti) seines Freundes Richard Virenque. Die beiden Franzosen haben im Hinblick auf die am 1. Juli beginnende Tour de France schon wieder sehr ausgiebig zusammen trainiert. “Deshalb war ich heute zu dieser Leistung fähig”, sagte Hervé.

Aber schon im 30 km langen und flachen Einzelzeitfahren vom Samstag dürfte Hervés führende Stellung arg in Gefahr geraten, denn der gute Kletterer ist kein Spezialist im Kampf gegen die Uhr. Tags darauf kommen wieder die Bergfahrer zum Zug; im so genannten “Circuit des Alpes” mit Start und Ziel in Ulrichen sind die Pässe Nufenen, Gotthard und Furka und insgesamt mehr als 3000 m Höhendifferenz zu bewältigen.

1. Pascal Hervé (Fr) 3:46:51 (41,287 km/h), 10 Sek. Bon.
2. Oscar Camenzind (Sz) 0:39, 6 Sek. Bon.
3. Mauro Zanetti (It), 4 Sek. Bon.
4. Laurent Dufaux (Sz)
5. Andrej Teterjuk (Kas), beide gleiche Zeit
6. Daniele Nardello (It) 0:46
7. Jan Ullrich (De) 0:53
8. Fred Rodriguez (USA) 1:37
9. Oscar Mason (It) 2:12
10. Francesco Casagrande (It), gleiche Zeit.

11. Paolo Tiralongo (It) 2:17
12. Sven Montgomery (Sz) 2:37
13. Wolodomir Gustow (Ukr) 2:43
14. Wladimir Belli (It), gleiche Zeit
15. Dario Frigo (It) 2:54
16. Eddy Mazzoleni (It)
17. Gilberto Simoni (It), beide gleiche Zeit
18. Tadej Vaijavec (Sln) 3:02
19. Daniel Atienza (Sp), gleiche Zeit
20. Peter Wrolich (Ö) 3:03

Ferner:
32. Roland Meier (Sz), beide gleiche Zeit
37. Stefan Rütimann (Sz) 4:42
41. Michael Boogerd (Ho) 5:23
43. Armin Meier (Sz) 5:24
46. Niki Aebersold (Sz) 5:41
49. Markus Zberg (Sz) 6:03
50. Mauro Gianetti (Sz) 6:20
52. Daniel Schnider (Sz) 6:42
53. Pierre Bourquenoud (Sz) 6:51
54. René Stadelmann (Sz) 7:03
59. Christian Heule (Sz) 7:53
60. Marcel Strauss (Sz), gleiche Zeit
67. Stefano Garzelli (It) 10:14


Gesamtklassement:

1. Hervé 13:07:47
2. Ullrich 0:44
3. Camenzind 0:47
4. Nardello 0:49
5. Zanetti 1:21
6. Rodriguez 1:27
7. Teterjuk 1:35
8. Dufaux 1:44
9. Casagrande 2:24

10. Belli 2:36
11. Mazzoleni 2:38
12. Tiralongo 2:55
13. Wrolich 3:03
14. Montgomery 3:04
15. Simoni 3:08
16. Mason 3:15
17. Gottschling 3:16
18. Gustow 3:21
19. Niermann 3:28

20. Bölts, gleiche Zeit. 21. Bartoli 3:30
22. Frigo 3:32
23. Vaijavec 3:40
24. Virenque 3:43
25. Atienza 4:08
26. Heppner 4:18
27. Wauters 4:32
28. Thomas Mühlbacher (Ö) 4:38
29. Müller, gleiche Zeit
30. Boogerd 4:49

Ferner:
31. Roland Meier 4:53
34. Aebersold 5:37
36. Markus Zberg 5:51
39. Armin Meier 6:30
43. Gianetti 7:11
44. Strauss 7:29
47. Bourquenoud 7:57
48. Heule 8:01
54. Garzelli 10:44
55. Schnider 11:07
59. Rütimann 12:21
60. Tschmil 12:29
65. Charrière 14:06
77. Stadelmann 18:30
81. Boscardin 20:12
83. Zucconi 21:05
87. Museeuw 23:09
94. Vandenbroucke 24:14

101. Calcagni 27:07
105. Ackermann 28:05
109. Zampieri 28:52
113. Zumsteg 31:22
122. Sidler 36:37


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