20.
06. 2000 - Oscar Camenzind neuer Leader der Tour de Suisse
Am Albula ist Jan Ullrich die Gesamtführung
in der Tour de Suisse (endlich) los geworden. Einen Antritt von
Oscar Camenzind 5 km vor der Passhöhe vermochte der Deutsche nicht
mehr zu kontern. Der Schweizer liess sich am Ziel in La Punt ins
Leadertrikot einkleiden. Den Sieg in der 8. Etappe holte sich nach
165 km Stefano Garzelli, der Gewinner des Giro d'Italia.
[newswindow]
- Vor den beiden letzten Etappen führt Ex-Weltmeister Camenzind
mit 14 Sekunden vor Dario Frigo und 26 Sekunden vor Wladimir Belli.
Ullrich ist in den 4. Rang zurückgefallen; nur noch drei Sekunden
vor dem jungen Schweizer Sven Montgomery, der erneut mit einer starken
Leistung aufwartete.
Lange schienen die Telekom-Leute die Konkurrenz im Griff zu haben.
Auch zu Beginn der steilen Kehren des Albula-Passes liessen sich
die Anwärter auf den Gesamtsieg nicht aus der Reserve locken. Den
Teamkollegen Frigo und Belli waren überdies die Hände gebunden,
weil sich weitere “Fassa Bortolo”-Profis (Valjavec und Fincato)
noch in einer Vorhut befanden. Ullrich selber hinterliess einen
soliden Eindruck und “stampfte” im Schatten seiner Mannschaftsgefährten
den ihm bekömmlichen Rhythmus.
Der Vorstoss des seit Freitag weit zurück liegenden Garzelli brauchte
den Leader noch nicht zu beunruhigen. Als mit Montgomery und Richard
Virenque gut klassierte Gegner zur Attacke übergingen, geriet der
Deutsche erstmals in Schwierigkeiten. Endgültig geschehen war es
um Ullrich, als Camenzind einen heftigen Gegenangriff lancierte.
Dank der Unterstützung seiner Lampre- Teamkollegen Della Vedova
und insbesondere jener des Giro-Dritten Gilberto Simoni drängte
Herausforderer Camenzind den Leader und Tour-de-France-Gewinner
von 1997 arg in die Defensive. Bis zum Kulminationspunkt auf 2315
m ü.M. lagen Ullrich und der Gesamtzweite Eddy Mazzoleni schon 2:10
zurück.
Risiko belohnt
Noch vor der Camenzind-Gruppe passierten Tadej Valjavec (Sln) und
der ehemalige Weltranglisten-Erste Michele Bartoli den Pass. Die
beiden Spitzenfahrer wurden in der Abfahrt aber eingeholt. Im Kampf
um den Etappensieg sah Garzelli seine schon mehrtägigen Bemühungen
endlich belohnt und holte den vierten Etappensieg für die Italiener.
Camenzind erreichte das Ziel in der gleichen Zeit im 7. Rang, Sven
Montgomery wurde Zehnter.
“Ich habe erwartet, dass Belli und Frigo viel früher attackieren
würden”, sagte Camenzind. “Als dann nichts geschah, habe ich eben
das Zepter in die Hand genommen. Ich sagte zu Simoni: Jetzt gehen
wir aufs Ganze.” Camenzinds Risikobereitschaft wurde belohnt. Schon
vor drei Jahren stand er dicht vor dem Sieg in der Tour de Suisse,
eine taktische Fehldisposition seiner Teamleitung verhinderte damals
jedoch den Erfolg. Am Ziel ist Camenzind aber auch heuer noch nicht.
Noch folgen am Mittwoch der Flüela-Pass und insbesondere der lange
Schlussanstieg nach Arosa, wo im Vorjahr Francesco Casagrande die
Tour zu seinen Gunsten entschieden hatte.
Zuversichtlicher Montgomery
Sven Montgomery (24) hatte schon fast Angst, dass die grössere Gruppe,
die bereits am San Bernardino ausgerissen war, nicht mehr eingeholt
würde: “Aber in der Entscheidung waren dann doch die gleichen Fahrer
wie in den Tagen zu vor dabei.” Montgomery hatte gute Beine und
wird auch am Mittwoch wieder etwas probieren. “An dieser Tour de
Suisse ist für mich alles möglich”, sagte der Berner Oberländer,
der vom 7. in den 5. Gesamtrang vorrückte.
Ullrich und Mazzoleni trafen trotz einer verwegenen Abfahrt fast
zwei Minuten nach der Spitzengruppe in La Punt ein. “Oscar ist ein
würdiger Nachfolger. Er wird das Trikot bis nach Baden bringen”,
sagte der nach drei Tagen entthronte Ullrich. Er haben die Angriffe
der Fassa-Bortolo-Leute und jene von Lampre erwartet, sei aber schliesslich
nicht mehr in der Lage gewesen, diese zu kontern. “Guerini und Bölts
sind bis am Schluss bei mir geblieben und haben mir ein akzeptables
Tempo vorgelegt. Ich habe in den drei Tagen in Gelb viel Selbstvertrauen
tanken können”, so Ullrich, dessen grosses Ziel der zweite Sieg
in der Tour de France ist.
8. Etappe, Locarno - La
Punt (165 km):
1. Stefano Garzelli (It) 4:40:19 (35,488 km/h), 10 Sek. Bon.
2. Gilberto Simoni (It), 6 Sek. Bon.
3. Richard Virenque (Fr), 4 Sek. Bon.
4. Michele Bartoli (It)
5. Wladimir Belli (It)
6. Dario Frigo (It) 7. Oscar Camenzind (Sz)
8. Marco Fincato (It)
9. Tadej Valjavec (Sln)
10. Sven Montgomery (Sz), alle gleiche Zeit.
11. Michael Boogerd (Ho) 1:01
12. Daniel Atienza (Sp), gleiche Zeit
13. Armin Meier (Sz) 1:49
14. Roland Meier (Sz)
15. Oscar Mason (It)
16. Gorazd Stangelj (Sln)
17. Laurent Dufaux (Sz), alle gleiche Zeit
18. Jan Ullrich (De) 1:57
19. Eddy Mazzoleni (It)
20. Massimo Cigana (It)
Ferner:
36. Daniel Schnider (Sz) 8:32
39. Niki Aebersold (Sz) 9:17
42. Mauro Gianetti (Sz) 10:15
43. Stefan Rütimann (Sz), gleiche Zeit
45. Christian Heule (Sz) 10:57
48. Steve Zampieri (Sz), gleiche Zeit
52. Frank Vandenbroucke (Be) 17:06
53. René Stadelmann (Sz)
55. Pierre Bourquenoud (Sz)
56. Marcel Strauss (Sz), alle gleiche Zeit
67. Markus Zberg (Sz) 21:45
70. Christian Sidler (Sz) 30:24
84. Pierre Ackermann (Sz)
87. Johan Museeuw (Be)
88. Pietro Zucconi (Sz)
92. Patrik Calcagni (Sz), alle gleiche Zeit
109 gestartet, 97 klassiert.
Nicht am Start: Michael Rich (De). Aufgegeben: Wilfried Peeters
(Be), Simone
Bertoletti, Gianmario Ortenzi (beide It),