Jan Ullrich und Bjarne Riis
die Stars in Bern
21.04.98 - (si/ff) Die 75. Nordwestschweizer/Berner
Rundfahrt vom kommenden Sonntag weist einejubiläumswürdige Besetzung
auf. Das rund 100 Fahrer umfassende Feld der Elite International
(Profi) wird vom Deutschen Jan Ullrich und dem Dänen Bjarne Riis
angeführt, den Tour-de-France-Siegern der letzten beiden Jahre.
Oscar Camenzind und Beat Zberg sind die aussichtsreichsten Schweizer
im knapp 200 km langen Rennen mit Start und Ziel in Bern.
Sowohl Ullrich als auch Riis befinden sich auf Formsuche. Der Deutsche
wurde bisher durch zwei Erkältungen stark zurückgeworfen, und der
Däne kehrte erst vor wenigen Tagen in den Rennbetrieb zurück, nachdem
er sich Anfang Februar im Training einen Handgelenkbruch zugezogen
hatte.
Dem prallvollen Rennkalender zum Trotz erfreut sich die Berner Rundfahrt
bei den Managern und Sportlichen Leitern der Teams der 1. und 2.
Division einer regen Nachfrage. Angesichts eines beschränkten Budgets
musste der an der Spitze des Organisationskomitees stehende Hugo
Steinegger vereinzelten Sportgruppen eine Absage erteilen. Im Elite-Feld
ist dennoch eine attraktive Mischung von jungen, erfolgshungrigen
Profis und Routiniers vorwiegend italienischer und holländischer
Herkunft auszumachen.
In der vom Rad-Weltverband der Kategorie 1.3 zugeordneten Prüfung,
die dem Sieger 60 Punkte für die Weltrangliste einträgt, ist das
Post Swiss Team mit seinem stärksten Aufgebot (Markus Zberg, Niki
Aebersold) vertreten. Die Akteure der auf auf diese Saison in die
2. Division promovierten Sportgruppe Ericsson- Villiger nehmen erstmals
auf heimischen Boden Mass an einem Teil der Weltelite. Mit dabei
ist auch eine gemischte Equipe mit Mauro Gianetti als prominentestem
Fahrer.
Die 75. NWR/Berner Rundfahrt bleibt der Tradition als einziges Schweizer
Eintagesrennen, das sämtlichen Kategorien eine Startgelegenheit
bietet, treu. Rund 1100 Aktive befahren den selektiven Rundkurs
im Westen von Bern mit dem Frienisberg als Haupthindernis.
Resultate
1.
Marcus Zberg (Schweiz) Post Swiss Team
2. Oscar Camenzind (Schweiz) Mapei-Bricobi
3. Simone Leporatti (Italien) Amore & Vita
4. Frederico Profeti (Italien) Amore & Vita
5. Enrico Zaina (Italien) Brescialat-Liquigas
6. Stefano Garzelli (Italien) Mercatone Uno
7. Rolf Huser (Schweiz) Post Swiss 0.33
8. Sandro Giacomelli (Italien) Amore e Vita 0.56
9. Glenn Magnusson (Schweden) Amore e Vita
10. Giuliano Figueras (Italien) Mapei-Bricobi
..
12. Jan Ullrich (Deutschland) Telekom-ARD 0.56
18. Bjarne Riis (Dänemark) Telekom-ARD
Markus
Zberg überspurtete Oscar Camenzind
(si/js)
Zwei Jahre nach seinem Bruder Beat hat auch Markus Zberg die Berner
Rundfahrt für sich entschieden. Der Urner Radprofi liess im Spurt
einer sieben Fahrer starken Fluchtgruppe Schweizer Meister Oscar
Camenzind und Simone Leporatti (It) hinter sich. Die Tour-de-France-Sieger
Jan Ullrich (De, 12.) und Bjarne Riis (Dä, 18.) beendeten das 196,8
km lange Rennen im Hauptfeld.
Wegbereiter für den bisher wichtigsten Triumph von Markus Zberg
in seinem dritten
Jahr als Radprofi war indirekt sein Bruder Beat. Dieser wirkte bei
einer Offensivaktion mit, die in der dritten der vier Runden im
Westen des Bundeshauptstadt ein Quintett an die Spitze des Rennens
brachte. Nach der Einholung setzte Beat Zberg seinen Vorstoss in
Gesellschaft seines Teamkollegen Peter Luttenberger (Ö) fort. Dies
veranlasste in beiden Fällen MercatoneUno, ausgerechnet das letztjährige
Team der beiden Urner, die Nachführarbeit zu organisieren. Das Post
Swiss Team befand sich so in der komfortablen Situation, aus der
Defensive heraus vorgehen zu können.
Keine Einzelaktion
Als der Frienisberg zum vierten und letzten Mal bezwungen werden
musste, wusste
Markus Zberg, auf wen er sich zu konzentrieren hatte: auf die beiden
Italiener
Stefano Garzelli und Enrico Zaina, die ihm einen starken Eindruck
hinterlassen hatten. Mit der Rodage der Bergamasker Rundfahrt in
den Beinen, die er als Gesamtzweiter hinter Pawel Tonkow (Russ)
beendet hatte, fühlte sich Markus Zberg sogar stark genug, gegen
den Kulminationspunkt hin zu forcieren. Doch der Urner blieb besonnen
genug, seine Kräfte nicht 25 km vor dem Ziel in einer Einzelaktion
zu verzetteln. Er konnte, wie sich dann später bestätigte, durchaus
auch auf seine Spurtkraft vertrauen.
Zur richtigen Taktik gesellte sich bei Markus Zberg auch eine Spur
Glück. Rolf Huser, der für ihn den Endspurt einleiten wollte, steigerte
das Tempo so vehement, dass die Gegner zum Konter gezwungen waren
und sich der Urner auf die Kontrolle beschränken konnte. Den einzigen
Lapsus, den Zberg beging, vermochte er selbst zu korrigieren. Er
liess im Spurt auf seiner rechten Seite zu viel Platz gegen die
Balustrade frei, was Oscar Camenzind ermöglichte, ihn im geringen
Zwischenraum zu überholen. Doch auf den letzten Metern setzte sich
Zberg doch noch deutlich durch. «Markus hat den Sieg verdient. Er
befindet sich in einer ausgezeichneten Form.» So lautete der Kommentar
des auf den 2. Platz verwiesenen Schweizer Strassenmeisters.
Metamorphose des Urners
Nach der Lehre der Reifeprozess. Auf diesen Nenner lässt sich der
Wandel von Markus Zberg umschreiben, der zwei Jahre lang in italienischen
Sportgruppen und an der Seite seines Bruders Beat Fuss zu fassen
versuchte. Die Rolle, die Markus zu spielen hatte, war ihm nicht
immer klar vorgegeben. So wusste er selten, ob er sich in den Dienst
des Teams zu stellen hatte oder ob er auch einmal seine eigene Chance
wahrnehmen durfte. «Im Kopf fühlte ich mich nie ganz frei», schilderte
der Bern-Sieger die kritischen Phasen seiner Lehrzeit.
Der Wechsel zum Post Swiss Team und damit in die Leaderrolle eines
2.-Divisions-Teams scheint für Markus Zberg genau der richtige Schritt
gewesen zu sein. Er kann sich genaue Ziele setzen, er geniesst das
Vertrauen des gesamten Teams, und
wenn er Druck verspürt, dann höchstens jenen, den er sich selbst
auferlegt. Hatte der Urner in den beiden letzten Saisons je einen
bescheidenen Sieg feiern können, so ist der erst 23jährige Athlet
in diesem Jahr nach dem Gewinn der Stausee-Rundfahrt in Klingnau
und der 5. Etappe der Bergamasker Woche bereits bei seinem dritten
Erfolg angelangt.
Freude beim Post-Team
Das Glücksgefühl für Jean-Jacques Loup, dem Initianten der Schweizer
Sportgruppe, hätte nicht grösser sein können. Vor zwei Jahren waren
seine Fahrer von Direktor Hugo Steinegger bös kritisiert worden,
weil keiner von ihnen das Ziel erreicht hatte. Diesmal stellte das
Post Swiss Team in Bern den Sieger, es nahm Einfluss auf das Renngeschehen,
und dies alles, obwohl es den Abgang von Roland Meier zu verkraften
hatte.
Bei den Espoirs, der wichtigsten Nachwuchskategorie, wurde mit 40,190
km/h beinahe das gleich hohe Stundenmittel verzeichnet wie bei den
Profis (40,195 km/h), wenn auch über eine deutlich geringere Distanz
(103,4 km statt 196,8 km). Marcel Strauss setzte sich im Spurt von
fünf Fahrern durch und bescherte damit dem Farmteam von Ericsson-Villiger
einen Achtungserfolg.
Bild:
Keystone / Quelle: blue
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