Plötzlich einsetzender Regen hat für einen Außenseitersieg
beim Prolog der 61. Auflage der Tour de Suisse gesorgt. Das Einzelzeitfahren
zum Auftakt der Radfernfahrt durch die Schweiz gewann nach 7,2 Kilometern
auf dem Rundkurs in Romanshorn überraschend der Lokalmatador Oscar
Camenzind.
Der 22jährige Eidgenosse vom italienischen Mapei-Rennstall siegte
nach 8:57,42 Minuten mit drei Sekunden Vorsprung vor dem Niederländer
Leon van Bon und fünf vor dem Italiener Roberto Petito. Als bester
deutscher Starter fuhr der Heltersbeger Udo Bölts auf den fünften
Rang direkt vor Jürgen Werner aus Köln.
Telekom-Fahrer Bölts, der erst am vergangenen Sonntag das Mehr-Etappenrennen
Dauphine Libere in Frankreich gewonnen hatte, kam mit 14 Sekunden
Rückstand auf Camenzind ins Ziel, Werner lag 19 Sekunden zurück.
Achtbar auf den Rängen 17, 27 und 32 hielten sich Michael Rich (24
Sekunden) aus Waldkirch, der Ahlener Rolf Aldag (Telekom/27) und
Dirk Baldinger (28) aus Merdingen.
Bei seinem Tagessieg profitierte Camenzind von der für ihn noch
günstigen Wetterlage. Der Schweizer ging um 17.37 Uhr an den Start
und trat dabei als einer der letzten Fahrer auf noch trockener Straße
den Kampf gegen die Uhr über die kurvenreiche Strecke an. Nach seiner
Zielankunft setzte der große Regen ein, und das letzte Viertel des
Teilnehmerfeldes hatte mit der nassen Piste zu kämpfen.
Fast alle Favoriten waren zum Schluß des Zeitplans gesetzt und hatten
somit keine Chance, an die zuvor erzielten Zeiten heranzukommen.
Betroffen davon waren auch die Stars des Bonner Teams Deutsche Telekom.
Als Telekom-Kapitän landete Dänemarks Tour-de-France-Sieger Bjarne
Riis mit 54 Sekunden Rückstand nur auf dem 122. Platz im 156köpfigen
Starterfeld. Noch schlimmer erwischte es Spurtstar Erik Zabel aus
Unna. Der Punktbeste der letztjährigen
Tour de France landete mit 1:39 Minuten Rückstand auf dem 152. Platz.
Auch die Lokalfavoriten Tony Rominger und Alex Zülle fuhren auf
der nassen Straße hinterher. Rominger wurde 38 Sekunden zurück,
64., den 108. Rang belegte Zülle mit 49 Sekunden Rückstand. Belgiens
Weltmeister Johan Museeuw wurde landete 1:07 Minuten zurück auf
Rang 143.
Dokumentation. Jürg Casanova schreibt für den Schweizer
Tages-Anzeiger
Camenzind erster Leader
Der Schweizer gewann zum Auftakt der Tour
de Suisse das Zeitfahren in Romanshorn
Das Hauseckenrennen von Romanshorn zum Auftakt der
61. Tour de Suisse wurde durch Regen beeinträchtigt und blieb von
bescheidenem sportlichem Wert. Der Lichtblick aus Schweizer Sicht:
Oscar Camenzind heisst der erste Leader.
7,2 km mass der Parcours durch die Hafenstadt am Bodensee, auf dem
die Fahrer kaum je zu einem Rhythmus fanden, denn über ein Dutzend
enge Kurven zwangen zum Abbremsen und zur richtigen Dosierung zwischen
Mut zum Risiko und Vorsicht. Danach musste die Maschine von neuem
beschleunigt werden. Auf dieser für ein Zeitfahren nicht glücklich
gewählten Strecke konnte nur eine Spitzenzeit erzielen, wer die
entsprechende mentale Einstellung, um nicht zu sagen
Aggressivität, an den Start brachte.
Damit nicht genug: Zu Beginn der letzten Stunde begann es kurz zu
regnen - Camenzind hatte wenige Minuten zuvor sein Pensum absolviert.
Auf nasser Strasse hatten Camenzinds Rivalen keine Chance, die Bestzeit
des Zentralschweizers zu gefährden. Das lag nicht nur an den Kurven,
sondern zusätzlich daran, dass ausgerechnet bei vielen Richtungsänderungen
Strassenmarkierungen wie Fussgängerstreifen usw. vorhanden waren
und die Unterlage besonders tückisch machten.
Kein Wunder, dass insbesondere die Fahrer mit klingenden Namen keine
unnötigen Risiken eingingen oder die Distanz im offensichtlichen
Schongang absolvierten. So findet man denn exzellente Zeitfahrer
auf ganz ungewohnten Plätzen: Tony Rominger als 65., Jan Ullrich
als 68., Laurent Jalabert als 104., Alex Zülle als 108., Bjarne
Riis als als 122. und Ewgeni Berzin als 137. von 156 Gestarteten.
Oscar Camenzind gab sich als fairer Sieger, der gegenüber den Medien
nicht unterschlagen wollte, dass ihm der Gewitterregen Vorteile
gebracht hatte. "Ohne Regen hätte ich gegen so hochkarätige
Konkurrenz wohl kaum gewonnen", erklärte der 25jährige Zentralschweizer.
"Aber solche Parcours, in denen nicht einfach auf langen Geraden
Tempo gebolzt wird, behagen mir. Ständige Rhythmuswechsel kommen
mir entgegen." Camenzind, der in seiner zweiten Saison als
Berufsfahrer und im Solde der italienischen Sportgruppe Mapei steht,
hatte schon als Amateur einige Prologe gewonnen und erst vor wenigen
Tagen auch jenen der Österreich-Rundfahrt. Dort hatte die Mannschaft
allerdings auf Daniele Nardello als Leader gesetzt, und Camenzind
hatte diszipliniert seinen Teil zum Gesamtsieg des jungen Italieners
beigesteuert. Es wäre nicht mehr als billig, dass der Sportliche
Leiter, der Belgier Patrick Lefévère, jetzt in der Heimat Camenzinds
Gegenrecht hält.