Dokumentation. Jürg
Casanova schreibt für den Schweizer Tages-Anzeiger:
Ein Poker ums Goldtrikot
Erik Zabel Spurtsieger in Basel, Oscar
Camenzind weiterhin Leader
Die zweite Etappe der Tour de Suisse wurde in Basel
nach einer 178-km-Vorausfahrt Fabrizio Guidis im Massensprint von
Erik Zabel gewonnen. Oscar Camenzind pokerte mit seinem Team fast
fünf Stunden lang um sein Leadertrikot und behielt es mit einer
Sekunde Vorsprung auf Leon van Bon.
Die 156 Fahrer, die sich in Romanshorn auf die Sättel geschwungen
hatten, wiesen noch keine Schweissperlen auf der Stirn auf, als
Fabrizio Guidi und Alessandro Romio sich aus dem Feld verabschiedeten.
Erst 4 der insgesamt 193 km vom Bodensee ans Rheinknie waren da
zurückgelegt. Der Vorsprung der beiden Italiener stieg sprunghaft
an, nach 28 km betrug er bereits 14:04 Minuten.
Ungute Erinnerungen stiegen auf
Hat die Tour de Suisse nicht das (schlechte) Image,
oft schon in den ersten Etappen vorentschieden zu werden, weil die
sogenannten Favoriten fahrlässig Aussenseiter Gruppe, sondern nur
um ein Duo, und es hatte erst noch das Pech, dass ihm ein böiger
Wind entgegenblies.
"Wir haben gepokert", bekannte Prologsieger Camenzind
in Basel. "Mapei ist ja schliesslich nicht das einzige Team,
das die Tour de Suisse gewinnen will. Darum warteten wir ab, wie
sich die andern verhalten würden", sagte der Leader. Als der
Rückstand so schnell derartige Ausmasse angenommen habe, hätten
sie jedoch handeln müssen. Nervös geworden oder in Panik geraten
sei er jedoch nie.
Trio als Tempomacher
"Es hat auch nie die ganze Mannschaft gearbeitet,
sondern nur Wilfried Peeters, Valentin Fois und Gianni Bugno. Die
andern haben sich an ihren Hinterrädern geschont", sagte Camenzind.
Und zum Glück hätten sie schliesslich auch noch Unterstützung durch
die Teams Rabobank (für den Gesamtzweiten Leon van Bon) und von
Telekom (für seine Sprinter Erik Zabel und Giovanni Lombardi) bekommen.
Steels Sekundenhilfe
Camenzind lobte seine Teamkollegen, die ihm geholfen
hatten. Insbesondere betraf dies Tom Steels, der auf Van Bon aufpasste.
Van Bon, der im Zeitfahren nur drei Sekunden auf Camenzind verloren
hatte, holte sich im ersten Bonifikationssprint eine Sekunde zurück
und hätte sich mit einem zweiten Rang und den damit verbundenen
zwei Sekunden Gutschrift in der zweiten Wertung, 27 km vor dem Ziel,
das gelbe Trikot sichern können. Aber Steels verwies Van Bon da
auf den dritten Platz.
Am Ende im Alleingang
11 km vor dem Ziel wurde Guidi, der 60 km zuvor
seinen Gefährten stehengelassen hatte, eingeholt, und damit begannen
für Camenzind die heissesten Minuten des Tages. "Ich war plötzlich
allein, weil meine Teamkollegen sich etwas erholen mussten, und
auf den engen Strässchen der Innenstadt war das Rennen kaum mehr
zu kontrollieren", sagte Camenzind. Aber er hatte das Glück
des Tüchtigen und startet auch zur dritten Etappe "mit dem
Stöffchen, das mich beflügelt".