Etappe6

 

 

Tour de Suisse 1997

6. Etappe, Spiez - Bosco Gurin am 22. Juni, 254 km

Berichte von dieser Etappe

1. Davide Extebarria (Spanien) Once 3.55.56 (37,511 km/h)
2. Leonardo Piepoli (Italien) Refin 0.11
3. Francesco Casagrande (Italien) Saeco 0.21
4. Oscar Camenzind (Schweiz) Mapei 0.43
5. Felix Garcia Casas (Spanien) Festina 1.02
6. Stefano Garzelli (Italien)Mercatone Uno 1.06
7. Peter Luttenberger (Oestereich) Rabobank 1.09
8. Philipp Buschor (Schweiz) Saeco 1.12
9. Roland Meier (Schweiz) Post Swiss Team 1.55
10. Felice Puttini (Schweiz) Refin 1.55
13. Jan Ullrich (Deutschland) Telekom 2.46
14. Jens Heppner (Deutschland) Telekom 2.58
15. Christophe Agnolutto (Frankreich) Casino 2.58
20. Rolf Aldag (Deutschland) Telekom 5.51

Gesamtwertung:

1. Christophe Agnolutto (Frankreich) Casino 18.43.18
2. Oscar Camenzind (Schweiz) Mapei 5.12
3. Jan Ullrich (Deutschland) Telekom 6.15
4. David Extebarria (Spanien) Once 6.20
5. Roland Meier (Schweiz) PostSwiss Team 7.06
6. Felix Garcia Casas (Spanien) Festina 8.02
7. Stefano Garzelli (Italien) Mercatone Uno 8.05
8. Peter Luttenberger (Oestereich) Rabobank 8.12
9. Philipp Buschor (Schweiz) Saeco 8.14
10. Daniele Nardello (Italien) Mapei 8.32


Dokumentation. Jürg Casanova schreibt für den Schweizer Tages-Anzeiger:

Gesamtsieg in Griffnähe

Leader Agnolutto hat noch immer mehr als fünf MinutenVorsprung

Sergei Gontschar gewann am Samstag das Zeitfahren von Spiez, David Etxebarria gestern Sonntag die Bergankunft in Bosco Gurin, doch zu den Gewinnern des Weekends gehörte auch Leader Christophe Agnolutto, der den Schaden in engen Grenzen hielt. Zum gefährlichsten Rivalen des Franzosen ist Oscar Camenzind aufgerückt, aber er ist noch immer 5:14 Minuten zurück.

Mehr Spektakel und mehr Emotionen hätte auch die ursprünglich geplante Königsetappe von Spiez über Grimsel und Nufenen nach Bosco Gurin hinauf kaum bieten können. Der Entscheid, angesichts der schlechten Wetterprognosen umzudisponieren, erwies sich im nachhinein als richtig. Und die nur noch 147 km lange Ersatzvariante von Biasca, wohin die Fahrer in einem dreistündigen Transfer chauffiert worden waren, über den Monte Ceneri ins Sottoceneri und zurück auf den Originalparcours animierte nicht nur die Fahrer zu einem kampfreichen Rennen, sondern sorgte auch für ein Wechselbad der Gefühle: Start im Bindfadenregen und Finale bei trockenem Wetter, ja, sogar ein paar Sonnenstrahlen schafften den Weg durch die dicken Wolken. Der Sturz und das
Ausscheiden von Alex Zülle, der Rückschlag von Beat Zberg, der vom siebten auf den 16. Gesamtrang zurückrutschte, auf der andern Seite Oscar Camenzind, der gegen die Uhr und am Berg hervorragend fuhr und endgültig zum Schweizer Hoffnungsträger aufgerückt ist, sowie der Vorstoss des noch fast unbekannten Philipp Buschor vom 18. auf den neunten Gesamtrang. Dem jungen Ostschweizer aus der Mannschaft von Giro-Sieger Ivan Gotti scheint in der zweiten
Profisaison endlich der Knopf aufgegangen zu sein.

Selektion in rüder Steigung

Der Monte Ceneri und vor allem die rüde, 4 km lange Steigung nach Arosio hinauf, sorgten für eine deutliche Selektion nach hinten. An der Spitze blieben 35 Fahrer übrig. In der entscheidenden Phase versuchten die Mannschaften Rabobank und Telekom das Rennen in den Griff zu kriegen. In der Magadino-Ebene waren es Breukink und Sörensen vom holländischen Team, welche den Rückstand auf eine Spitzengruppe mit Scinto, Aldag und Odriozola bis zum Beginn der
Schlusssteigung so gering wie möglich zu halten versuchten. Aber Luttenberger vermochte später die Vorarbeit seiner Kollegen nicht auszunützen. Mit seinem Antritt konnte er sich nicht lösen, für einen zweiten Versuch fehlte dem letztjährigen Tour-de-Suisse-Sieger (noch) der Schnauf.

Ullrichs schlechte Beine

Noch mehr Aufwand auf den letzten 16 terrassenartig eine Höhendifferenz von 1100 m überwindenden Kilometern betrieben die Telekom-Fahrer. Erst Heppner und dann Riis sorgten für ein Tempo, das die Zahl ihrer Begleiter immer geringer werden liess, und Leader Agnolutto musste verzweifelt um den Anschluss kämpfen. Doch plötzlich scherte Ullrich aus. "Der morgendliche Transfer und der kalte Regen hatten mir zugesetzt, ich verfügte über keine guten Beine und wollte nicht zu sehr forcieren", erklärte der Deutsche am Ziel, der am Samstag im Zeitfahren nach 31,5 km um 27 Hundertstel von Sergei Gontschar geschlagen worden war. Riis und Heppner unterbrachen ihren Effort und spielten ab diesem Moment in einem moderateren Tempo Lokomotive für Ullrich.

Profiteur dieser Situation war Agnolutto, der sich über mehrere Kilometer an den Telekom-Zug anhängte. Erst ganz zuletzt war er auf sich allein angewiesen, hielt aber seine Einbusse wie schon im Zeitfahren in engen Grenzen. Der Franzose hat den Tour-de-Suisse-Sieg mehr als je in Griffnähe.


Dokumentation. sid schreibt:

Etappensieg für Etxebarria

Mit unerwarteten Außenseiter-Erfolgen endete das "Halbzeit"-Wochenende bei der 61. Tour de Suisse. Sergej Gontschar und der Spanier David Etxebarria sicherten sich die Tagessiege auf den Etappen fünf und sechs, die dennoch auch im Zeichen der Stars des Bonner Radteams Deutsche Telekom standen.

Überschattet wurde das Rennen am Sonntag von einem schweren Sturz des Schweizers Alex Zülle, der dabei einen Schlüsselbeinbruch erlitt und wohl auch für die Tour de France ab 5. Juli ausfällt. In den Sturz bei Kilometer 88 verwickelt waren insgesamt sechs Fahrer, darunter auch Dirk Baldinger aus Merdingen.

Eine Bravour-Leistung zeigte Etxebarria bei der schweren Bergetappe am Sonntag. Der 24jährige sprintete auf den letzten Metern dem zu diesem Zeitpunkt scheinbar sicheren Sieger Leonardo Piepoli davon und ließ den entkräfteten und verdutzten Italiener im Ziel um elf Sekunden hinter sich. Auch der Italiener Francesco Casagrande und Lokalfavorit Oscar Camenzind hatten vergeblich auf einen Einbruch des Tagessiegers gehofft und kamen mit 21 bzw. 43 Sekunden Rückstand auf den nächsten Plätzen ins Ziel.

Im Kampf um das Gelbe Trikot konnte Jan Ullrich (Merdingen) nicht soviel Zeit wie erhofft auf den Gesamtspitzenreiter Christophe Agnolutto gutmachen.
Ullrich kam mit 2:46 Minuten Rückstand auf Etxebarria als 13. direkt hinter seinem dänischen Telekom-Chef Bjarne Riis (2:07) im Zielort Bosco Gurin an, Agnolutto lag 2:58 Minuten zurück. Damit blieb der Franzose, der noch am Samstag im Kampf gegen die Uhr 2:09 Minuten eingebüßt hatte, Erster mit 5:12 Minuten Vorsprung vor Camenzind.

Bei der wegen teilweise überaus schlechter Witterungslage mit Schneefall und Regen von ursprünglich 254,2 auf 147,5 Kilometer verkürzten "Königs-Etappe" am Sonntag von Biasca nach Bosco Gurin hatte Ullrichs Telekom-Kollege Rolf Aldag zur Schlußattacke angesetzt. Nach 131 Kilometern bei der letzten Sprintwertung setzte sich der Ahlener gemeinsam mit dem Italiener Luca Scinto und Jon Odriozola aus Spanien vom Peloton ab.

Das Trio hielt allerdings auf den letzten 16,1 Kilometern mit einer Steigung bis zu 14 Prozent das Tempo nicht lange durch und wurde schließlich "durchgereicht". Danach kontrollierten die Telekom-Stars Ullrich, Jan Riis (Dänemark) und Jens Heppner (Gera) die Führungsgruppe mit Camenzind und Casagrande.

Dem selbst vorgelegten Tempo mußten die drei Telekom-Fahrer auf dem 750 m langen Anstieg ins 1.500 m hoch gelegene Bosco Gurin schnell jedoch Tribut zollen und fielen an den Schluß der etwa 20köpfigen Führungsgruppe zurück. Wenn auch mit Mühe ließ sich Agnolutto von den Telekom-Attacken nicht beeindrucken und hielt stets den Anschluß an das vordere Feld.

Acht Kilometer vor dem Ziel schlug schließlich Etxebarrias große Stunde. Der Spanier kämpfte sich scheinbar mühelos an den Favoriten vorbei und fuhr schnell einen respektablen Vorsprung heraus. Doch rund drei Kilometer vor dem Ziel schienen ihn die Kräfte zu verlassen, als Piepoli seinen Angriff begann. Am Ende hatte Etxebarria denn doch noch die größeren Reserven.

Beim Einzelzeitfahren über 31,5 Kilometer am Samstag hatte Ullrich seinen zweiten Etappensieg nach dem Triumph vom Freitag nur um einen Wimpernschlag verpaßt. Nur um 27 Hundertstelsekunden mußte sich der letztjährige Zweite der Tour de France gegen Gontschar geschlagen geben. Auf dem Rundkurs in Spiez hatte sich Ullrich bei einem Anstieg leicht verhaspelt und büßte die entscheidenden Sekundenbruchteile ein. Herausragende Vorstellungen boten auch Heppner und Udo Bölts (Heltersberg). Die beiden Telekom-Akteure kamen zeitgleich mit je 1:33 Minuten Rückstand auf den Tagessieger auf den Plätzen zwölf und 13 ins Ziel. Dagegen verpaßte Team-Kapitän Riis einen Platz unter den `Top 20" und landete auf dem 36. Rang. Der Sieger der Tour-de-France von 1996 wurde mit 2:45 Minuten Rückstand gestoppt.

Die siebte Etappe führt am Montag über 193,9 Kilometer von Locarno durch die Alpen hinab nach Zug.


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