Jan Ullrich aus Merdingen kommt immer mehr in die
richtige Form für die Tour de France, während sich Tour- "Titelverteidiger"
Bjarne Riis (Dänemark) schont und auf weitere Etappen der Schweiz-Rundfahrt
verzichtete. Telekom-Star Ullrich feierte am Mittwoch nach einem
Etappensieg bei der Tour de Suisse zum zweiten Mal Platz zwei in
der Tageswertung. Hinter dem Schweizer Prolog-Sieger Oscar Camenzind,
der als Solist mit 1:06 Minuten Vorsprung die 9. Etappe
von Wetzikon nach Davos über 194 km gewann, verwies der Gesamt-Dritte
Ullrich den Italiener Leonardo Piepoli auf Rang drei. Camenzind
verpaßte knapp den Sprung an die Spitze der Gesamtwertung, denn
der Spitzenreiter Christophe Agnolutto büßte 2:53 Minuten auf den
Tagessieger ein.
Auch Udo Bölts (Heltersberg) zeigte nach seinem zweiten Platz vom
Vortag wieder ein beeindruckendes Rennen und kam in der zweiten
Verfolgergruppe unter
die besten 15. Wie hoch die Leistung von Ullrich einzuschätzen ist,
zeigt sich darin, daß er auf zwei wichtige Helfer verzichten mußte.
Nach dem Geraer Jens
Heppner mußte die Telekom-Mannschaft am Mittwoch auch auf Tour-de-France-Sieger
Riis verzichten, der nicht mehr zur neunten Etappe antrat. Beide
sind
leicht erkältet und sollen sich angesichts ihres Tour-Starts in
zehn Tagen schonen.
Die Etappe mit sechs Bergwertungen stand lange im Zeichen des Belgiers
Wilfried Peeters, der bereits nach 48 km eine lange Alleinfahrt
gestartet hatte und dabei mehr als sieben Minuten Vorsprung herausfuhr.
Der Vorstoß des in der Gesamtwertung weit zurückliegenden Belgiers
brachte aber keine Unruhe in das Feld. Die Favoriten um den Gesamtspitzenreiter
Agnolutto, der von seinem Team Casino für die Tour de France nominiert
wurde, ließen den Außenseiter ziehen und warteten lange, ehe sie
in die Verfolgung einstiegen.
Erst in Reichweite des Ziels, als es noch einmal hart in die Berge
ging, wurde der Belgier nach seinem knapp 100-km-Solo eingefangen.
Die Stärksten des Feldes warfen zu diesem Zeitpunkt den Fehdehandschuh:
Ullrich, Camenzind, Piepoli, Stefano Garzelli (Italien) und Felix
Garcia (Spanien) waren am Berg angetreten und hatten die Flucht
ergriffen. Nur ein Teil des Feldes fand wieder Anschluß. Doch erneut
zogen Ullrich, Piepoli, Camenzind und Garcia davon, während Spitzenreiter
Agnolutto zurückfiel. 19 km vor dem Ziel startete Camenzind schließlich
an der letzten Bergwertung den entscheidenden Vorstoß, der für die
Gesamtwertung der Rundfahrt allerdings etwas zu spät kam.
Dokumentation. Andi Rüppel schreibt
für den Schweizer Tages-Anzeiger
Ein Etappensieg als Trost
Oscar Camenzind gewann in Davos - aber
Leader Christophe Agnolutto widerstand den Angriffen
Krankheit oder Sturz ausgeschlossen, wird Christophe
Agnolutto heute Donnerstag auf der Rennbahn Oerlikon in Zürich als
61. Sieger der Tour de Suisse gefeiert. Der Schweizer Oscar Camenzind
versuchte gestern beim Aufstieg nach Davos alles, um den Franzosen
noch abzufangen: Der Schwyzer gewann die Etappe, konnte den Abstand
im Gesamtklassement aber nur auf 2:08 Minuten reduzieren.
Noch sind in der Tour de Suisse 187 Kilometer zurückzulegen. "Aber
man muss realistisch sein", sagte Oscar Camenzind nach seinem
zweiten Etappensieg, "wenn nichts Aussergewöhnliches passiert,
ist Agnolutto nicht mehr abzufangen." Camenzind konnte in seinen
Worten, in seinem Gesichtsausdruck die Enttäuschung nicht ganz verbergen.
Zweiter war er letztes Jahr beim GP Tell, Dritter in der Österreichrundfahrt,
und nun wieder nur ein Ehrenplatz. Da nützt es ihm nichts, dass
ihn die Favoriten der diesjährigen Tour de Suisse als eigentlichen
Sieger sehen. "Ich bin ein Mensch, der Vergangenes sein lässt.
Ich schaue nach vorne", erwähnte Camenzind. Aber auch, dass
ihn die zehn Tage in der Schweiz einen gewaltigen Schritt vorwärtsgebracht
haben. Er sei reifer geworden und habe erstmals so viel Aufmerksamkeit
von den Medien erfahren.
Entscheidung in Klosters
In Klosters habe er gewusst, dass die Tour entschieden
ist, sagte der 25jährige Camenzind, der erst in seinem zweiten Profijahr
steht. Kurz vorher hatte er in Küblis beim Aufstieg zum Wolfgangpass
ein erstes Mal Leader Agnolutto angegriffen, Ullrich, Garcia, Piepoli
und Garzelli waren ihm gefolgt. Weil aber Piepoli und Garcia keinerlei
Führungsarbeit leisten wollten, gab es keine Harmonie und wurde
das Quintett rasch wieder eingeholt.
Wenigstens den Etappensieg wollte Camenzind danach. 20 Kilometer
vor dem Ziel wagte er den nächsten Vorstoss, wieder sind Ullrich,
Garcia und Piepoli dabei, wieder fahren nur Ullrich und Camenzind
an der Spitze. Als der Prologsieger einen dritten, beherzten Antritt
kurz vor der Passhöhe wagt, lässt Ullrich abreissen und den Schweizer
ziehen, weil er glaubte, Camenzind wolle nur den Bergpreis gewinnen.
"Ich muss mich bei Ullrich für seine Hilfe trotzdem bedanken",
sagte "Ösi", wie Camenzind von seinen Fans genannt wird
und in hundertfacher Ausführung auf die Strasse malten.
Trotz des furiosen Finales stellt sich die Frage, weshalb das Mapei-Team
den Druck auf Agnolutto nicht wie vorgesehen schon viel früher eingeleitet
hat. "Das war schwierig, weil die Scrigno-Mannschaft den Franzosen
und seine Helfer bei der Kontrolle des Rennens unterstützt habt",
sagte Camenzind. Mag sein, aber diese Begründung tönt doch reichlich
schwach. Einzig Wilfried Peeters fuhr während 114 Kilometern allein
voraus. Eine unnütze Aktion, denn der Belgier, im Gesamtklassement
über eine Stunde zurück, konnte Agnolutto nicht beunruhigen.
"Greifst du nochmals
an?"
Während des Rennens kam es zwischen Agnolutto und
Camenzind zu einem kurzen Gespräch. Ob der Aufstieg schwer sei,
fragte der Leader seinen Widersacher. "Ja", antwortete
Camenzind, "acht Kilometer geht es ganz schön hoch." Ob
er nochmals angreife, wollte Agnolutto ebenfalls wissen. Auch diese
Frage beantwortete der Schweizer mit ja. "Bei einer Antwort
hat er nicht die Wahrheit gesagt", witzelte Agnolutto später.
"Es waren nur fünf schwere Kilometer."
Nun, 2:08 Minuten beträgt Agnoluttos Vorsprung vor der letzten Etappe
noch. Er werde erst morgen über den Tour-Sieg reden, denn es könne
ja noch etwas passieren, sagte der 27jährige. Doch auch er rechnet
nicht mehr mit einer sportlichen Niederlage, er fühle sich körperlich
gut. Dass Agnolutto gestern "nur" 2:53 Minuten auf Camenzind
verlor, liegt einerseits daran, dass er nie nervös wurde und seinen
Rhythmus fuhr. Andererseits daran, dass er mit Rolf Järmann und
Alberto Elli wie am Tag zuvor zwei hervorragende Helfer hatte. Die
Schweiz liege ihm eben, erwähnte Agnolutto noch. Schon bei der Tour
de Romandie sei er gut gefahren.