Etappe9

 

 

Tour de Suisse 1997

9. Etappe, Wetzikon - Davos am 25. Juni, 193 km

Berichte von dieser Etappe

1. Oscar Camenzind (Schweiz) Mapei 5.17.22 (37,036km/h)
2. Jan Ullrich (Deutschland) Telekom 1.06
3. Leonardo Piepoli (Italien) Refin g.Z.
4. Felix Garcia Casas (Spanien) Festina 1.14
5. Stefano Garzelli (Italien) Mercatone Uno 2.05
6. Danny Nelissen (Holland) Rabobank
7. Francesco Casagrande (Italien) Saeco
8. Sergei Gontschar (Ukraine) Aki
9. Jörg Jaksche (Deutschland) Polti
10. Beat Zberg (Schweiz) Mercatone Uno alle g.Z.

Gesamtwertung:

1. Christophe Agnolutto (Frankreich) Casino 33.38.02
2. Oscar Camenzind (Schweiz) Mapei 2.08
3. Jan Ullrich (Deutschland) Telekom 4.20
4. David Extebarria (Spanien) Once 5.32
5. Roland Meier (Schweiz) PostSwiss Team 5.18
6. Felix Garcia Casas (Spanien) Festina 6.22
7. Daniele Nardello (Italien) Mapei 6.48
8. Stefano Garzelli (Italien) Mercatone Uno 7.17
9. Philipp Buschor (Schweiz) Saeco 7.26
10. Leonardo Piepoli (Italien) Refin 7.56
11. Beat Zberg (Schweiz) Mercatone Uno 8.31
15. Udo Bölts (Deutschland) Telekom 11.17
16. Rolf Aldag (Deutschland) Telekom 15.12
22. Peter Luttenberger (Oestereich) Rabobank 29.27
23. Dirk Baldinger Deutschland) Polti 35.36
26. Jörg Jaksche (Deutschland) Polti 38.24
30. Laurent Jalabert (Frankreich) Once 41.25
60. Erik Zabel (Deutschland) Telekom 1.17.56


Dokumentation. dpa schreibt:

Camenzind mit zweitem Tagessieg

Ullrich Zweiter - Riis schont sich

Jan Ullrich aus Merdingen kommt immer mehr in die richtige Form für die Tour de France, während sich Tour- "Titelverteidiger" Bjarne Riis (Dänemark) schont und auf weitere Etappen der Schweiz-Rundfahrt verzichtete. Telekom-Star Ullrich feierte am Mittwoch nach einem Etappensieg bei der Tour de Suisse zum zweiten Mal Platz zwei in der Tageswertung. Hinter dem Schweizer Prolog-Sieger Oscar Camenzind, der als Solist mit 1:06 Minuten Vorsprung die 9. Etappe
von Wetzikon nach Davos über 194 km gewann, verwies der Gesamt-Dritte Ullrich den Italiener Leonardo Piepoli auf Rang drei. Camenzind verpaßte knapp den Sprung an die Spitze der Gesamtwertung, denn der Spitzenreiter Christophe Agnolutto büßte 2:53 Minuten auf den Tagessieger ein.

Auch Udo Bölts (Heltersberg) zeigte nach seinem zweiten Platz vom Vortag wieder ein beeindruckendes Rennen und kam in der zweiten Verfolgergruppe unter
die besten 15. Wie hoch die Leistung von Ullrich einzuschätzen ist, zeigt sich darin, daß er auf zwei wichtige Helfer verzichten mußte. Nach dem Geraer Jens
Heppner mußte die Telekom-Mannschaft am Mittwoch auch auf Tour-de-France-Sieger Riis verzichten, der nicht mehr zur neunten Etappe antrat. Beide sind
leicht erkältet und sollen sich angesichts ihres Tour-Starts in zehn Tagen schonen.

Die Etappe mit sechs Bergwertungen stand lange im Zeichen des Belgiers Wilfried Peeters, der bereits nach 48 km eine lange Alleinfahrt gestartet hatte und dabei mehr als sieben Minuten Vorsprung herausfuhr. Der Vorstoß des in der Gesamtwertung weit zurückliegenden Belgiers brachte aber keine Unruhe in das Feld. Die Favoriten um den Gesamtspitzenreiter Agnolutto, der von seinem Team Casino für die Tour de France nominiert wurde, ließen den Außenseiter ziehen und warteten lange, ehe sie in die Verfolgung einstiegen.

Erst in Reichweite des Ziels, als es noch einmal hart in die Berge ging, wurde der Belgier nach seinem knapp 100-km-Solo eingefangen. Die Stärksten des Feldes warfen zu diesem Zeitpunkt den Fehdehandschuh: Ullrich, Camenzind, Piepoli, Stefano Garzelli (Italien) und Felix Garcia (Spanien) waren am Berg angetreten und hatten die Flucht ergriffen. Nur ein Teil des Feldes fand wieder Anschluß. Doch erneut zogen Ullrich, Piepoli, Camenzind und Garcia davon, während Spitzenreiter Agnolutto zurückfiel. 19 km vor dem Ziel startete Camenzind schließlich an der letzten Bergwertung den entscheidenden Vorstoß, der für die Gesamtwertung der Rundfahrt allerdings etwas zu spät kam.


Dokumentation. Andi Rüppel schreibt für den Schweizer Tages-Anzeiger

Ein Etappensieg als Trost

Oscar Camenzind gewann in Davos - aber Leader Christophe Agnolutto widerstand den Angriffen

Krankheit oder Sturz ausgeschlossen, wird Christophe Agnolutto heute Donnerstag auf der Rennbahn Oerlikon in Zürich als 61. Sieger der Tour de Suisse gefeiert. Der Schweizer Oscar Camenzind versuchte gestern beim Aufstieg nach Davos alles, um den Franzosen noch abzufangen: Der Schwyzer gewann die Etappe, konnte den Abstand im Gesamtklassement aber nur auf 2:08 Minuten reduzieren.

Noch sind in der Tour de Suisse 187 Kilometer zurückzulegen. "Aber man muss realistisch sein", sagte Oscar Camenzind nach seinem zweiten Etappensieg, "wenn nichts Aussergewöhnliches passiert, ist Agnolutto nicht mehr abzufangen." Camenzind konnte in seinen Worten, in seinem Gesichtsausdruck die Enttäuschung nicht ganz verbergen.

Zweiter war er letztes Jahr beim GP Tell, Dritter in der Österreichrundfahrt, und nun wieder nur ein Ehrenplatz. Da nützt es ihm nichts, dass ihn die Favoriten der diesjährigen Tour de Suisse als eigentlichen Sieger sehen. "Ich bin ein Mensch, der Vergangenes sein lässt. Ich schaue nach vorne", erwähnte Camenzind. Aber auch, dass ihn die zehn Tage in der Schweiz einen gewaltigen Schritt vorwärtsgebracht haben. Er sei reifer geworden und habe erstmals so viel Aufmerksamkeit von den Medien erfahren.

Entscheidung in Klosters

In Klosters habe er gewusst, dass die Tour entschieden ist, sagte der 25jährige Camenzind, der erst in seinem zweiten Profijahr steht. Kurz vorher hatte er in Küblis beim Aufstieg zum Wolfgangpass ein erstes Mal Leader Agnolutto angegriffen, Ullrich, Garcia, Piepoli und Garzelli waren ihm gefolgt. Weil aber Piepoli und Garcia keinerlei Führungsarbeit leisten wollten, gab es keine Harmonie und wurde das Quintett rasch wieder eingeholt.

Wenigstens den Etappensieg wollte Camenzind danach. 20 Kilometer vor dem Ziel wagte er den nächsten Vorstoss, wieder sind Ullrich, Garcia und Piepoli dabei, wieder fahren nur Ullrich und Camenzind an der Spitze. Als der Prologsieger einen dritten, beherzten Antritt kurz vor der Passhöhe wagt, lässt Ullrich abreissen und den Schweizer ziehen, weil er glaubte, Camenzind wolle nur den Bergpreis gewinnen. "Ich muss mich bei Ullrich für seine Hilfe trotzdem bedanken", sagte "Ösi", wie Camenzind von seinen Fans genannt wird und in hundertfacher Ausführung auf die Strasse malten.

Trotz des furiosen Finales stellt sich die Frage, weshalb das Mapei-Team den Druck auf Agnolutto nicht wie vorgesehen schon viel früher eingeleitet hat. "Das war schwierig, weil die Scrigno-Mannschaft den Franzosen und seine Helfer bei der Kontrolle des Rennens unterstützt habt", sagte Camenzind. Mag sein, aber diese Begründung tönt doch reichlich schwach. Einzig Wilfried Peeters fuhr während 114 Kilometern allein voraus. Eine unnütze Aktion, denn der Belgier, im Gesamtklassement über eine Stunde zurück, konnte Agnolutto nicht beunruhigen.

"Greifst du nochmals an?"

Während des Rennens kam es zwischen Agnolutto und Camenzind zu einem kurzen Gespräch. Ob der Aufstieg schwer sei, fragte der Leader seinen Widersacher. "Ja", antwortete Camenzind, "acht Kilometer geht es ganz schön hoch." Ob er nochmals angreife, wollte Agnolutto ebenfalls wissen. Auch diese Frage beantwortete der Schweizer mit ja. "Bei einer Antwort hat er nicht die Wahrheit gesagt", witzelte Agnolutto später. "Es waren nur fünf schwere Kilometer."

Nun, 2:08 Minuten beträgt Agnoluttos Vorsprung vor der letzten Etappe noch. Er werde erst morgen über den Tour-Sieg reden, denn es könne ja noch etwas passieren, sagte der 27jährige. Doch auch er rechnet nicht mehr mit einer sportlichen Niederlage, er fühle sich körperlich gut. Dass Agnolutto gestern "nur" 2:53 Minuten auf Camenzind verlor, liegt einerseits daran, dass er nie nervös wurde und seinen Rhythmus fuhr. Andererseits daran, dass er mit Rolf Järmann und Alberto Elli wie am Tag zuvor zwei hervorragende Helfer hatte. Die Schweiz liege ihm eben, erwähnte Agnolutto noch. Schon bei der Tour de Romandie sei er gut gefahren.


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