Gippingen 1998

 

Zülle, Bartoli, Ullrich, Riis und natürlich auch Oscar Camenzind in Gippingen

Eine Woche nach der Berner Rundfahrt folgt am Sonntag in Gippingen die zweite
Schweizer Frühlings-Classique, der Grosse Preis des Kantons Aargau. Das 196 km lange Rennen ist so gut besetzt wie noch nie. Die prominentesten Fahrer im 144köpfigen Teilnehmerfeld sind Alex Zülle, Michele Bartoli sowie die beiden Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich und Bjarne Riis.

Zum einen haben die vorteilhafte Organisation und der günstige Termin (48 Stunden vor der Tour de Romandie) dem GP des Kantons Aargau einen guten Ruf eingetragen, zum andern wird der Wettkampf im internationalen Kalender seit 1996 als Rennen der zweithöchsten Kategorie (nach dem Weltcup) geführt und wirft mithin reichlich Weltranglistenpunkte ab.


Gippingen_Ullrich.jpg (38057 Byte)

Jan Ullrich zeigte in Gippingen, dass es um seine Form nicht so schlecht bestellt ist.
Foto: Jonny Reichlin


Die Fahrer

Fünf Top-ten-Fahrer sind gemeldet, neben Zülle, Bartoli und Ullrich auch Andrej Tschmil (Be) und Pawel Tonkow (Russ), 1996 Gewinner des Giro d'Italia. Am Start stehen zudem der Vorjahressieger Udo Bölts (De) und Fabrizio Guidi (It), der sich 1996 durchgesetzt hatte. Zudem beteiligen sich mit Ausnahme von Laurent Dufaux (Pause) und Mauro Gianetti (Trophée des Grimpeurs) sämtliche Schweizer Spitzenfahrer, so auch Oscar Camenzind. Letzter Schweizer Sieger war Pascal Richard (1994 und 1995).


Die Strecke

Die Strecke führt über zehn Runden und ist nicht sonderlich selektiv. Die letzte Steigung, die Strickhöhe mit 50 m Höhendifferenz und maximal acht Steigungsprozenten, ist mehr als fünf km vor dem Ziel zu bewältigen. Der Favoritenkreis ist daher schwierig zu bestimmen. Die Stars werden sich wohl nur solange ans Limit begeben wie sie Aussichten auf den Sieg haben. Erneut nur als Aufbaurennen dient Gippingen dem auf Formsuche befindlichen Jan Ullrich, der sich hinterher im Schwarzwald drei Wochen lang einem Grundlagentraining unterziehen wird.


Das Programm

Ab Freitag finden in Gippingen neun Rennen statt, darunter am Samstag eine Espoirs- sowie eine Frauen-Prüfung mit Ex-Weltmeisterin Barbara Heeb und Olympiasiegerin Jeannie Longo-Ciprelli (Fr).

GP des Kantons Aargau in Gippingen (Sonntag ab 11.45 Uhr). Die wichtigsten Teilnehmer: Udo Bölts (De/Startnummer 1), Bjarne Riis (Dä/5), Jan Ullrich (De/8), Gianni Bugno (It/12), Oscar Camenzind (Sz/13), Pawel Tonkow (Russ/18), Rolf
Järmann (Sz/24), Pascal Richard (Sz/26), Michael Boogerd (Ho/31), Beat Zberg (Sz/38), Niki Aebersold (Sz/41), Markus Zberg (Sz/48), Maurizio Fondriest (It/59), Fabrizio Guidi (It/64), Luc Leblanc (Fr/65), Davide Rebellin (It/66), Andrej Tschmil /Be/84), Marco Pantani (It/116), Michele Bartoli (It/121), Claudio Chiappucci (It/131).


Die Resultate

Michele Bartoli behindert Camenzind

Michele Bartoli hat in Gippingen den über 196 km führenden Grossen Preis des Kantons Aargau für sich entschieden. Der 28jährige Italiener, in diesem Jahr schon Gewinner von Lüttich - Bastogne - Lüttich, meisterte im Spurt eine 23köpfige Spitzengruppe vor dem Russen Sergej Iwanow. Oscar Camenzind fühlte sich im Spurt durch den Sieger behindert. Er wurde als bester Schweizer Dritter. 



Bei der Siegerehrung hielt Camenzind (ganz r.) seinen Ärger zurück.
(Bild: keystone) 

Die Schweizer prägten das Rennen, der Sieg freilich blieb ihnen versagt. "Bartoli hat mich 100 m vor dem Ziel zur Seite gedrängt", sagte Camenzind. "Ich bin geradeaus gefahren", konterte Bartoli. Dessen Ansicht teilte auch die Jury. Markus Zberg verpasste als Fünfter den Sprung aufs Podest nur knapp. Olympiasieger Pascal Richard beendete das Rennen im 11. Rang.

Casagrande sprengt das Feld

Die Gruppe, die später den Sieg unter sich ausmachte, hatte sich in der 10. und letzten Runde in der Abfahrt vom Lorholz-Bergpreis rund 12 km km vor dem Ziel gebildet. Der Italiener Francesco Casagrande hatte sich in der Steigung abgesetzt, neun Sekunden Vorsprung herausgefahren, wurde von den Verfolgern aber rasch wieder gestellt. Francesco Casagrande war nicht nur Auslöser der entscheidenden Flucht, er kam 500 m vor dem Ziel auch Beat Zberg in die Quere. Am Hinterrad des Urners brachen fünf Speichen, wodurch der Urner sämtlicher Chancen beraubt wurde.

Im Finale folgten sich die Attacken, der wenig selektive Parcours im Finale liess freilich keinen entscheidenden Vorstoss zu. Camenzind war in der Schlussphase der aktivste Profi, auch Richard war in einer Flucht vertreten, Beat Zberg versuchte es auf eigene Faust, und 300 m vor dem Ziel lag noch Rolf Huser vorne.

Angriff Bartolis im entscheidenden Moment

Weltcup-Leader Bartoli, der bereits zweimal das Monument Lüttich- Bastogne - Lüttich sowie 1997 auch die Flandern-Rundfahrt gewonnen hatte, machte den Schweizer Ambitionen einen Strich durch die Rechnung. Bis zur zweitletzten Steigung hielt sich der Italiener zurück, aber im entscheidenen Moment spielte er seine ganze Klasse aus. Er errang in Gippingen seinen siebenten Saisonerfolg.

Für Camenzind resultierte nach jeweils zweiten Plätzen in der Berner Rundfahrt vor einer Woche sowie am Donnerstag in der Schlussetappe in der Trentino-Rundfahrt (hinter Richard) wiederum ein Rang auf dem Podest. Aber freuen mochte sich der Zentralschweizer kaum. "Bartoli hat mich doch eindeutig rausgedrückt. Aber ein Protest wäre sinnlos gewesen, weil ich ja nur Dritter geworden bin", sagte Camenzind.

Nach dem Sieg in der Berner Rundfahrt gelang Markus Zberg abermals ein gutes Rennen, aber auch der bald 24jährige Urner ärgerte sich: "Bis 1000 m vor dem Ziel habe ich alles richtig gemacht, aber dann wurde ich eingeklemmt." Der jüngere der Zberg- Brüder war der beste aus dem Post Swiss Team.

Ausflug von Meier und Leblanc

Die Schweizer Sportgruppe war hauptsächlich dafür verantwortlich, dass dem 60 km dauernden Vorstoss von Ex-Weltmeister Luc Leblanc (Fr) und Armin Meier mit einem Maximalvorsprung von 3:20 Minuten kein Erfolg beschieden war. Meier und Leblanc, die zunächst auch noch von Marc Wauters (Be) begleitet wurden, mussten in der drittletzten Runde die Verfolger wieder aufschliessen lassen.

Pascal Richard war mit seiner Vorstellung durchaus zufrieden. Die Beine seien gut, aber womöglich habe er zu zuviel gewollt, "denn ich wollte den Etappensieg in der Trentino-Rundfahrt sofort bestätigen." Alex Zülle beendete seinen ersten GP des Kantons Aargau als Profi im 71. Rang unmittelbar hinter Rolf Järmann. Zülle tauchte in der 7. Runde in einer 16köpfigen Verfolgergruppe, die sich kurz hinter Leblanc und Meier gebildet hatte, auf. Lehrgeld bezahlte die Ericsson-Villiger-Equipe, die mit Roland Müller bloss einen Fahrer ins Ziel brachte.

Elite-Strassenrennen über 10 Runden à 19,6 km (196 km):

1. Michele Bartoli (It) 4:49:26 (40,631 km/h).
2. Sergej Iwanow (Russ).
3. Oscar Camenzind (Sz).

4. Stefano Garzelli (It). 5. Markus Zberg (Sz). 6. Filippo Casagrande (It). 7. Paolo Lanfranchi (It). 8. Andrej Teterjuk (Russ). 9. Luc Leblanc (Fr). 10. Pascal Richard (Sz).

11. Udo Bölts (De). 12. Francesco Casagrande (It). 13. Rolf Huser (Sz). 14. Rik Verbrugghe (Be). 15. Andrea Noe (It). 16. Laurent Roux (Fr). 17. Kurt van de Wouwer (Be). 18. Felice Puttini (Sz). 19. Roberto Sgambelluri (It). 20. Massimo Codol (It).

21. Peter Luttenberger (Ö). 22. Nicolay Bo Larsen (Dä). 23. Marco Velo (It), alle gleiche Zeit. 24. Beat Zberg (Sz) 0:23 zurück. 25. Patrick Vetsch (Sz) 0:37. 26. Daniel Schnider (Sz) 0:38. -- Ferner: 29. Pawel Tonkow (Russ), gleiche Zeit. 31. Marcel Renggli (Sz) 1:40. 38. Franz Hotz (Sz). 48. Roland Müller (Sz). 51. Pierre Bourquenoud (Sz). 53. Philipp Buschor (Sz). 56. Jan Ullrich (De). 60. Roland Meier (Sz). 64. Bruno Boscardin (Sz). 66. Armin Meier (Sz). 70. Rolf Järmann (Sz). 71. Alex Zülle (Sz), alle gleiche Zeit. 77. Alexandre Moos (Sz) 5:11. -- 131 Fahrer gestartet, 82 klassiert.  

Nach_oben.GIF (286 Byte)


Zurück Home Nach oben Weiter