Zülle,
Bartoli, Ullrich, Riis und natürlich auch Oscar Camenzind in Gippingen
Eine
Woche nach der Berner
Rundfahrt folgt am Sonntag in Gippingen die zweite
Schweizer Frühlings-Classique, der Grosse Preis des Kantons Aargau.
Das 196 km lange Rennen ist so gut besetzt wie noch nie. Die prominentesten
Fahrer im 144köpfigen Teilnehmerfeld sind Alex Zülle, Michele Bartoli
sowie die beiden Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich und Bjarne Riis.
Zum einen haben die vorteilhafte Organisation und der günstige Termin
(48 Stunden vor der Tour
de Romandie) dem GP des Kantons Aargau einen guten Ruf
eingetragen, zum andern wird der Wettkampf im internationalen Kalender
seit 1996 als Rennen der zweithöchsten Kategorie (nach dem Weltcup)
geführt und wirft mithin reichlich Weltranglistenpunkte ab.

Jan
Ullrich zeigte in Gippingen, dass es um seine Form nicht so schlecht
bestellt ist.
Foto: Jonny Reichlin
Fünf
Top-ten-Fahrer sind gemeldet, neben Zülle, Bartoli und Ullrich auch
Andrej Tschmil (Be) und Pawel Tonkow (Russ), 1996 Gewinner des Giro
d'Italia. Am Start stehen zudem der Vorjahressieger Udo
Bölts (De) und Fabrizio Guidi (It), der sich 1996 durchgesetzt hatte.
Zudem beteiligen sich mit Ausnahme von Laurent Dufaux (Pause) und
Mauro Gianetti (Trophée des Grimpeurs) sämtliche Schweizer Spitzenfahrer,
so auch Oscar Camenzind. Letzter Schweizer Sieger war Pascal Richard
(1994 und 1995).
Die
Strecke führt über zehn Runden und ist nicht sonderlich selektiv.
Die letzte Steigung, die Strickhöhe mit 50 m Höhendifferenz und
maximal acht Steigungsprozenten, ist mehr als fünf km vor dem Ziel
zu bewältigen. Der Favoritenkreis ist daher schwierig zu bestimmen.
Die Stars werden sich wohl nur solange ans Limit begeben wie sie
Aussichten auf den Sieg haben. Erneut nur als Aufbaurennen dient
Gippingen dem auf Formsuche befindlichen Jan Ullrich, der sich hinterher
im Schwarzwald drei Wochen lang einem Grundlagentraining unterziehen
wird.
Ab
Freitag finden in Gippingen neun Rennen statt, darunter am Samstag
eine Espoirs- sowie eine Frauen-Prüfung mit Ex-Weltmeisterin Barbara
Heeb und Olympiasiegerin Jeannie Longo-Ciprelli (Fr).
GP des Kantons Aargau in Gippingen (Sonntag ab 11.45 Uhr). Die wichtigsten
Teilnehmer: Udo Bölts (De/Startnummer 1), Bjarne Riis (Dä/5), Jan
Ullrich (De/8), Gianni Bugno (It/12), Oscar Camenzind (Sz/13), Pawel
Tonkow (Russ/18), Rolf
Järmann (Sz/24), Pascal Richard (Sz/26), Michael Boogerd (Ho/31),
Beat Zberg (Sz/38), Niki Aebersold (Sz/41), Markus Zberg (Sz/48),
Maurizio Fondriest (It/59), Fabrizio Guidi (It/64), Luc Leblanc
(Fr/65), Davide Rebellin (It/66), Andrej Tschmil /Be/84), Marco
Pantani (It/116), Michele Bartoli (It/121), Claudio Chiappucci (It/131).
Michele
Bartoli behindert Camenzind
Michele
Bartoli hat in Gippingen den über 196 km führenden Grossen Preis
des Kantons Aargau für sich entschieden. Der 28jährige Italiener,
in diesem Jahr schon Gewinner von Lüttich - Bastogne - Lüttich,
meisterte im Spurt eine 23köpfige Spitzengruppe vor dem Russen Sergej
Iwanow. Oscar Camenzind fühlte sich im Spurt durch den Sieger behindert.
Er wurde als bester Schweizer Dritter.

 |
Bei der Siegerehrung hielt Camenzind (ganz r.) seinen Ärger
zurück. |
| (Bild:
keystone) |
Die Schweizer
prägten das Rennen, der Sieg freilich blieb ihnen versagt. "Bartoli
hat mich 100 m vor dem Ziel zur Seite gedrängt", sagte Camenzind.
"Ich bin geradeaus gefahren", konterte Bartoli. Dessen
Ansicht teilte auch die Jury. Markus Zberg verpasste als Fünfter
den Sprung aufs Podest nur knapp. Olympiasieger Pascal Richard beendete
das Rennen im 11. Rang.
Casagrande sprengt das Feld
Die Gruppe, die später den Sieg unter sich ausmachte, hatte
sich in der 10. und letzten Runde in der Abfahrt vom Lorholz-Bergpreis
rund 12 km km vor dem Ziel gebildet. Der Italiener Francesco Casagrande
hatte sich in der Steigung abgesetzt, neun Sekunden Vorsprung herausgefahren,
wurde von den Verfolgern aber rasch wieder gestellt. Francesco Casagrande
war nicht nur Auslöser der entscheidenden Flucht, er kam 500 m vor
dem Ziel auch Beat Zberg in die Quere. Am Hinterrad des Urners brachen
fünf Speichen, wodurch der Urner sämtlicher Chancen beraubt wurde.
Im Finale folgten sich die Attacken, der wenig selektive Parcours
im Finale liess freilich keinen entscheidenden Vorstoss zu. Camenzind
war in der Schlussphase der aktivste Profi, auch Richard war in
einer Flucht vertreten, Beat Zberg versuchte es auf eigene Faust,
und 300 m vor dem Ziel lag noch Rolf Huser vorne.
Angriff Bartolis im entscheidenden Moment
Weltcup-Leader Bartoli, der bereits zweimal das Monument Lüttich-
Bastogne - Lüttich sowie 1997 auch die Flandern-Rundfahrt gewonnen
hatte, machte den Schweizer Ambitionen einen Strich durch die Rechnung.
Bis zur zweitletzten Steigung hielt sich der Italiener zurück, aber
im entscheidenen Moment spielte er seine ganze Klasse aus. Er errang
in Gippingen seinen siebenten Saisonerfolg.
Für Camenzind resultierte nach jeweils zweiten Plätzen in der Berner
Rundfahrt vor einer Woche sowie am Donnerstag in der Schlussetappe
in der Trentino-Rundfahrt (hinter Richard) wiederum ein Rang auf
dem Podest. Aber freuen mochte sich der Zentralschweizer kaum. "Bartoli
hat mich doch eindeutig rausgedrückt. Aber ein Protest wäre sinnlos
gewesen, weil ich ja nur Dritter geworden bin", sagte Camenzind.
Nach dem Sieg in der Berner Rundfahrt gelang Markus Zberg abermals
ein gutes Rennen, aber auch der bald 24jährige Urner ärgerte sich:
"Bis 1000 m vor dem Ziel habe ich alles richtig gemacht, aber
dann wurde ich eingeklemmt." Der jüngere der Zberg- Brüder
war der beste aus dem Post Swiss Team.
Ausflug von Meier und Leblanc
Die Schweizer Sportgruppe war hauptsächlich dafür verantwortlich,
dass dem 60 km dauernden Vorstoss von Ex-Weltmeister Luc Leblanc
(Fr) und Armin Meier mit einem Maximalvorsprung von 3:20 Minuten
kein Erfolg beschieden war. Meier und Leblanc, die zunächst auch
noch von Marc Wauters (Be) begleitet wurden, mussten in der drittletzten
Runde die Verfolger wieder aufschliessen lassen.
Pascal Richard war mit seiner Vorstellung durchaus zufrieden. Die
Beine seien gut, aber womöglich habe er zu zuviel gewollt, "denn
ich wollte den Etappensieg in der Trentino-Rundfahrt sofort bestätigen."
Alex Zülle beendete seinen ersten GP des Kantons Aargau als Profi
im 71. Rang unmittelbar hinter Rolf Järmann. Zülle tauchte in der
7. Runde in einer 16köpfigen Verfolgergruppe, die sich kurz hinter
Leblanc und Meier gebildet hatte, auf. Lehrgeld bezahlte die Ericsson-Villiger-Equipe,
die mit Roland Müller bloss einen Fahrer ins Ziel brachte.
Elite-Strassenrennen
über 10 Runden à 19,6 km (196 km):
1.
Michele Bartoli (It) 4:49:26 (40,631 km/h).
2. Sergej Iwanow (Russ).
3. Oscar Camenzind (Sz).
4.
Stefano Garzelli (It). 5. Markus Zberg (Sz). 6. Filippo Casagrande
(It). 7. Paolo Lanfranchi (It). 8. Andrej Teterjuk (Russ). 9. Luc
Leblanc (Fr). 10. Pascal Richard (Sz).
11. Udo Bölts (De). 12. Francesco Casagrande (It). 13. Rolf Huser
(Sz). 14. Rik Verbrugghe (Be). 15. Andrea Noe (It). 16. Laurent
Roux (Fr). 17. Kurt van de Wouwer (Be). 18. Felice Puttini (Sz).
19. Roberto Sgambelluri (It). 20. Massimo Codol (It).
21. Peter Luttenberger (Ö). 22. Nicolay Bo Larsen (Dä). 23. Marco
Velo (It), alle gleiche Zeit. 24. Beat Zberg (Sz) 0:23 zurück. 25.
Patrick Vetsch (Sz) 0:37. 26. Daniel Schnider (Sz) 0:38. -- Ferner:
29. Pawel Tonkow (Russ), gleiche Zeit. 31. Marcel Renggli (Sz) 1:40.
38. Franz Hotz (Sz). 48. Roland Müller (Sz). 51. Pierre Bourquenoud
(Sz). 53. Philipp Buschor (Sz). 56. Jan Ullrich (De). 60. Roland
Meier (Sz). 64. Bruno Boscardin (Sz). 66. Armin Meier (Sz). 70.
Rolf Järmann (Sz). 71. Alex Zülle (Sz), alle gleiche Zeit. 77. Alexandre
Moos (Sz) 5:11. -- 131 Fahrer gestartet, 82 klassiert.

|