Der Schwyzer Radprofi zur neuen Saison und
zu den Dopingvorwürfen im Radrennsport
Oscar Camenzind: «Ich dope nicht»
Der Schwyzer Radrennfahrer
Oscar Camenzind nimmt in dieser Woche die neue Profisaison mit klaren
Zielsetzungen in Angriff: Konzentration auf die prestigeträchtigen
Eintagesrennen sowie auf die Olympischen Sommerspiele in Sydney.
Interview von Kurt Rühle (Neue
Luzerner Zeitung)
Das
Regenbogentrikot des Weltmeisters habe Ihnen im letzten Jahr kein
Glück gebracht, sagen Radsportjournalisten. Haben Sie eine Erklärung
dafür, weshalb Sie 1999 hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind?
Oscar Camenzind: Nach dem Weltmeistertitel
stand ich unter einem gewaltigen Druck, von Seiten der Medien, aber
auch von mir selbst. Wenn die Erwartungen ins Unermessliche steigen,
kann man als Weltmeister nur verlieren. Aufgrund der vielen Verpflichtungen
war es für mich schwierig, mich auf den Radsport zu konzentrieren.
Im ersten Moment dachte ich, es werde schon gehen. Später musste
ich aber feststellen, dass die Verpflichtungen mit der Zeit schon
«anhängten». Auf der anderen Seite war meine letztjährige Saison
mit zwei, drei Siegen im Weltmeistertrikot gar nicht so schlecht.
Ich war immer einigermassen bei den Leuten, nur der Giro ging in
die Hosen.
War nach dem Gewinn des WM-Titels
der Rummel so gross, so dass dadurch das anschliessende Wintertraining
gestört wurde?
Camenzind: Das kann man schon
so sagen. Als Radsportler hat man im November und Dezember jeweils
Zeit, um abzuschalten, sich zu erholen und um andere Sachen zu machen,
welche ebenfalls sehr wichtig sind. Nach dem WM-Titel konnte ich
dies natürlich vergessen. Es ging von einem Anlass zum anderen,
so dass sich während des ganzen Winters unter Stress stand. Dieses
Mal war es ganz anders. Nachdem ich das Weltmeistertrikot verloren
hatte, war es wieder wie früher; fast keine Interviews mehr, noch
nur wenige Anlässe. Ich konnte mich gut erholen und Distanz vom
Radsport gewinnen.
Wie sieht bei einem Radprofi
das Wintertraining aus?
Camenzind: Zuerst stand die
aktive Erholung auf dem Programm. Ich habe andere Sportarten betrieben,
bin wieder mit dem Mountainbike gefahren und habe Skitouren gemacht.
Ab Dezember war als Vorbereitung für das Sechstagerennen wieder
Strassentraining angesagt. Seit Anfang Januar trainieren wir ausschliesslich
auf der Strasse, während 2 1/2 Wochen im Trainingslager in der Toscana,
in der letzten Woche während fünf Tagen im Tessin. In dieser Zeit
wird enorm viel trainiert, ist dies doch die Grundlage für das ganze
Jahr.
Worauf konzentrieren Sie sich
in dieser Saison, auf die Rundfahrten oder die grossen Eintagesrennen?
Camenzind: Zum ersten Mal in
meiner fünfjährigen Karriere als Profi auf die Eintagesrennen, konkret
auf die Weltcuprennen, wo ich den Gesamtweltcup im Visier habe.
Ich weise Qualitäten auf, um Eintagesrennen gewinnen zu können.
Bei grossen Rundfahrten werde ich, wenn alles optimal läuft, vielleicht
Dritter. Deshalb habe ich für diese Saison mein Programm geändert.
Dies heisst aber nicht, dass
Sie heuer keine Rundfahrten bestreiten werden?
Camenzind: Nein, so ist das
natürlich nicht. Ich werde sicher die Vuelta fahren und die Tour
de Suisse, aber nicht mit dem Ziel Gesamtklassement, sondern als
Aufbautraining für nachfolgende Rennen. Ein weiteres Stichwort ist
auch die Olympiade 2000 in Australien, für mich eine grosse Zielsetzung.
Welche Bedeutung haben Olympische
Spiele für Radprofis?
Camenzind: Oympische Spiele
weisen unter den Profis den gleich hohen Stellenwert auf wie Weltmeisterschaften.
Für mich ist es als Sportler vielleicht die einzige Chance, einmal
an einer Olympiade teilzunehmen. Wer weiss, was in vier Jahren ist.
Vielleicht fahre ich dann gar nicht mehr.
Es gibt fast täglich Negativschlagzeilen
rund um den Radsport. Vergeht Ihnen da nicht die Lust, diese Sportart
überhaupt zu betreiben?
Camenzind: Letztes Jahr, im
Sommer nach der Tour de Suisse, geriet ich in eine rechte Krise.
Ich war müde und machte mir schon meine Gedanken. Als Sportler belastet
es mich natürlich, wenn tagtäglich Negativmeldungen über den Radsport
verbreitet werden.
Was sagen Sie zu Aussagen von
ehemaligen Radrennfahrern, wonach alle Profis gedopt seien?
Camenzind: Es ist schon komisch,
dass alle Radsportler, welche jetzt aussagen, ihre Karriere beendet
haben. Wieso haben sie nichts gesagt, als sie noch selbst fuhren?
Die Medien kritisieren immer den Radsport. Es hängt viel an ihm,
mit dem Fall Festina im Jahr 1998 hat er die ganze Diskussion auch
ausgelöst. Es hat sich gezeigt, dass der ganze Spitzensport Dopingprobleme
hat, nicht nur der Radsport.
Wenn Sie von einem Ihrer Fans
gefragt werden, ob Sie gedopt seien, was sagen Sie ihm dann?
Camenzind: Ich dope nicht.
Wissen Sie immer, was Sie von
Ihrem Arzt und Ihren Betreuern erhalten?
Camenzind: Hundertprozentig,
das weiss ich. Es muss mir niemand sagen, er wisse nicht, was er
mache. Ich sage immer, jeder ist alt genug und kann selber entscheiden,
was er machen will oder nicht. Man muss sich auch bewusst sein,
dass das Leben nach der Karriere weiter geht. Es hat sicher schwarze
Schafe darunter, ich selbst dope nicht.
Wie sieht Ihre Karriereplanung
als Radprofi aus? Wie lange werden Sie noch im Geschäft bleiben?
Camenzind: Ich nehme es Jahr
für Jahr, ist doch der Radsport auch mit gewissen Risiken verbunden,
was Unfälle oder die Gesundheit betreffen. Solange ich Freude am
Radsport habe, werde ich weiter machen. Bei uns wird viel im Kopf
entschieden. Wenn ich keine Moral mehr habe, im Regen zu trainieren,
dann wird der Punkt kommen, um aufzuhören. Ich bin relativ spät,
mit 25 Jahren, Profi geworden. Deshalb bin ich positiv gestimmt,
dass ich in dieser Ausdauersportart noch einige gute Jahre vor mir
haben werde. Wenn alles gut läuft, werde ich noch vier, fünf Jahre
dabei sein.

Oscar Camenzind zur «Müllsack-Affäre»
«Wir klären ab, ob uns jemand
hereinlegen wollte»
Im letzten Sommer war der Schwyzer
Radprofi Oscar Camenzind in die sogenannte «Müllsack-Affäre» verstrickt.
Ein Foto-Journalist hatte am Rande der Tour de Suisse beobachtet,
wie ein Betreuer des Camenzind-Teams an einem abgelegenen Waldparkplatz
seinen Müll entsorgte. Darin fand der Journalist Spritzen und auf
Doping hinweisende Produkte. Als das Schweizer Fernsehen später
Oscar Camenzind, Captain des betroffenen Lampre-Teams, zu der Sache
befragen wollte, lehnte dieser jede Stellungnahme ab und drohte
damit, er würde dem Schweizer Fernsehen künftig keine Interviews
mehr geben. Tatsächlich teilte Camenzinds Manager dem Fernsehen
vor der WM im Oktober mit, man werde das Fernsehen bis auf weiteres
boykottieren.
Letztes Jahr hatten Sie an
der Tour de Suisse ziemlich unwirsch reagiert, nachdem Sie von einem
Reporter des Schweizer Fernsehens zur «Müllsack-Affäre» befragt
wurden. Was sagen Sie heute dazu?
Camenzind: Wenn es in Interviews
nur immer um das Thema Doping geht, hat man irgendwann einmal die
Nase voll. Dazu kam an der Tour de Suisse die körperliche Müdigkeit
nach einer Etappe über 230 km und die Belastung als Weltmeister.
Ich war duschen gegangen, kehrte zurück und wurde vom Schweizer
Fernsehen interviewt. Der Reporter sagte: Wir haben einen Sack und
da sind deine Initialen drin. Es war wie ein Verhör. Dann bin ich
halt ausgerastet. Wenn das Fernsehen das Interview am anderen Morgen
gemacht hätte, dann hätte ich anders reagiert.
Wie ging die Geschichte weiter?
Camenzind: Nach diesem Vorfall
habe ich das Schweizer Fernsehen während einer Weile boykottiert.
Dann kam das Fernsehen auf mich zu, und ich hatte eine anderthalbstündige
Aussprache mit Urs Leutert (Sportchef, Anmerkung der Redaktion).
Leutert hat sich für das Interview entschuldigt und dabei gesagt,
dies sei nicht ihre Art. Ich bat das Fernsehen, auch einmal die
Situation als Sportler zu begreifen. Heute ist im Fernsehen vieles
aggressiv, es werden Skandale gesucht.
Was wurde aus dem Müllsack?
Camenzind: Der Inhalt wurde
genau analysiert. Es wurde gesagt, es habe zwei Dopingsubstanzen
darin, man konnte sie aber nicht zuordnen. Das einzige im Sack,
was ich kannte, war ein Zettel mit meinen Initialen. Dieser hing
in Chiasso an unserer Türe im Hotel, wo wir ihn auch gelassen hatten.
Als mein Manager später nach Chiasso fuhr und sich erkundigte, wurde
ihm gesagt, der Zettel sei noch da gewesen, als wir das Hotel verlassen
hätten.
Wie kam denn der Zettel in
den Sack? Wollte Sie jemand hereinlegen?
Camenzind: Das klären wir noch ab. Die Geschichte
ist noch nicht abgeschlossen. Wir wollen, dass ein Zimmermädchen,
welches momentan in Spanien weilt, nach der Rückkehr in die Schweiz
vor der Polizei aussagt. Weshalb hatte der Journalist den Sack ein
oder zwei Tage bei sich? Weshalb ging er damit zum Schweizer Fernsehen?
Wenn ich einen Sack finde, gehe ich doch zur Polizei oder zum Verband.
Kurt Rühle
