Interview am Schülerradio


 

03.11.2003 - Die Saison 2003 ist vorbei. Es ist Zeit sich zu erholen, neue Pläne für die nächste Saison zu schmieden und - Öffentlichkeitsarbeit zu machen, oder anders gesagt, den vielen kleinen und grossen Wünschen der Fans nachzukommen. Ein Beispiel:

Power Radio Rubiswil

Seit diesem Jahr ist im Schulhaus Rubiswil, in Ibach (SZ) ein äusserst aktiver und ideenreicher Schülerrat an der Arbeit. So wird in diesem Schulzentrum, das von über 500 Oberstufenschülerinnen und -schülern besucht wird, jeden Montag um Punkt 9 Uhr eine Radiosendung mit News, Infos, Klatsch und Interviews in jedes Schulzimmer übermittelt. Der heutige Interviewpartner war kein geringerer als Ex-Weltmeister Oscar Camenzind.

Gut vorbereitet, aber doch mit etwas Herzflattern, befragten die Oberstufenschülerinnen ihren prominenten Gast. Ösi, der sich in seiner Karriere schon den verschiedensten Fragestellern, aber noch nie einer Gruppe von engagierten SchülerInnen gegenüber sah, machte den Spass gerne mit und gab bereitwillig Auskunft:

Schülerradio (SR): Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihre Hobbys. Machen Sie auch noch etwas anderes als Velofahren? Suchen Sie bewusst einen Ausgleich?

O.C.: Das kommt sehr auf die Jahreszeit an. Während der Saison bleibt fast keine Zeit für Hobbys. Nach Saisonende mache ich vor allem Ausgleichssport, z.B. Skitouren. Dann höre ich sehr gerne Musik.

SR: Sehen Sie viel fern?

O.C.: Oft sehe ich zwangsweise fern. Nach den Rennen geht's jeweils sofort ins Hotel, dann ist Erholung angesagt, man liegt aufs Bett und sieht fern. Es sind vorwiegend Sportsendungen. Aber ich lese gerne auch mal ein gutes Buch.

SR: Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

O.C.: In erster Linie meine Frau Angela, dann sicher Sonnencrème und gute Musik.

SR: Haben Sie auch Ängste, wenn ja, welche?

O.C.: Angst hat man sicher hin und wieder im Leben.

SR: Wie sind Sie eigentlich zum Velofahren gekommen?

O.C.: 1982 war in Gersau ein Schülerrennen, Nachwuchs-Cup wurde das genannt. Das war mein erstes Rennen. Wir hatten im Dorf einen grossen Förderer, der hat mich dann zu weiteren Rennen mitgenommen. So hat sich das dann immer weiter entwickelt.

SR: Ja und schliesslich wurden Sie gar Weltmeister. Welche Highlights haben Sie in Ihrer Karriere noch erlebt?

O.C.: Der WM-Titel war natürlich das grösste Karriere-Highlight, dann waren der Gesamtsieg in der Tour de Suisse und die Siege bei den Weltcup-Rennen Lüttich-Bastogne-Lüttich und der Lombardei-Rundfahrt grosse Höhepunkte.

SR: Welche Ziele möchten Sie im Radsport noch erreichen?

O.C.: Die Ziele gehen mir nie aus! Ich möchte in jeder Saison möglichst viele Siege einfahren. Aber man kann sich nicht auf jedes Rennen gleich vorbereiten. Es gibt wichtigere und weniger wichtige Ziele, auf die ich mich auch unterschiedlich lange vorbereite. Nächstes Jahr gibt es wieder eine WM, das ist sicher wieder ein hohes Ziel, dann möchte ich die Frühjahrsklassiker wieder gut fahren.

SR: Was haben Sie kurz nach dem Sturz an der letzten WM gedacht?

O.C.: (lacht) Was soll ich dazu sagen. Das war eine nicht sehr positive Erfahrung. Ich hatte mich lange auf diese WM vorbereitet, im Kopf war ich voll auf dieses Rennen eingestellt. Es ging noch um die Silber- und Bronce-Medaille. Als ich in der letzten Kurve stürzte, gingen die Emotionen natürlich schon hoch. Im Moment war es eine riesige Enttäuschung, aber am andern Tag hatte ich das abgehakt. Man muss im Leben nicht retour, sondern vorwärts schauen.

SR: Hatten Sie schon oft mit Verletzungen zu kämpfen?

O.C.: Ja, in den letzten zwei Jahren bin ich viel am Boden gelegen und hatte dann immer irgenwelche Verletzungen. In den früheren Jahren hatte ich mehr Glück. Dieses Jahr hatte ich einen schweren Sturz, wo ich überhaupt nichts dafür konnte. Stürze passieren oft durch Einwirkung anderer Fahrer, so beispielsweise wenn jemand vor einem stürzt, da kann man nicht mehr ausweichen.

SR: Was gibt Ihnen beim Velosport zu denken?

O.C.: Während den Rennen gibt mir zu denken, welche grossen Risiken eingegangen werden. Ich bin jetzt 32 Jahre alt und mehrere Jahre in diesem Sport dabei. In jungen Jahren bin ich auch mit viel mehr Risiko gefahren. Das ist ganz normal so. Wenn man jünger ist, geht man viel mehr Risiko ein.

SR: Wie lange werden Sie noch Rennen fahren und wie sieht Ihre allernächste sportliche Zukunft aus?

O.C.: Wie lange ich noch fahren werde, ist eine reine Kopffrage. Körperlich kann man sicher bis man 37-, 38-jährig ist auf höchstem Niveau fahren. Das heisst, ich könnte noch etwa fünf Jahre fahren, aber entscheidend wird sein, wie lange ich den Willen für das Training aufbringe. Ich mache das nun seit 20 Jahren, vielleicht kommt dann einmal der Punkt, wo ich sagen muss, jetzt habe ich es gesehen.

SR: Noch eine freche Frage! Hat sich Ihr Verheiratet-Sein positiv oder negativ auf Ihre sportlichen Leistungen ausgewirkt?

O.C.: (Lacht) Das ist eine schwierige Frage. Ich bin jetzt zwei Jahre verheiratet, in diesen zwei Jahren hatte ich sehr viel Pech, aber das bringe ich sicher nicht in Verbindung mit dem Verheiratet-Sein! Schliesslich war ich ja vorher schon mehrere Jahre mit Angela zusammen, also hat das sicher nichts miteinander zu tun.

SR: Wer könnte Ihrer Meinung nach als nächster Schweizer Strassen-Weltmeister werden?

O.C.: Das ist auch wieder eine schwierige Frage! Fabian Cancellara hat sicher eine grosse Chance als Zeitfahrer, er ist noch sehr jung. Mit 22 Jahren stehen ihm noch alle Türen offen. Vor mir war Ferdi Kübler Weltmeister, das war vor 47 Jahren, vielleicht muss man auch wieder lange warten.

SR: Nun noch etwas zur Öffentlichkeit. Verfolgen Sie das politische Geschehen in der Schweiz und in der Welt?

O.C.: Ja, natürlich. Allerdings mit einer gewissen Distanz. Während der Rennsaison bin ich manchmal wochenweise weg, da bekomme ich nicht alles mit. Aber momentan mit den Wahlen, die täglich ein Thema im Fernsehen sind, komme ich natürlich nicht darum herum, mich damit zu beschäftigen. Die Bundesratswahlen sind momentan das grosse Thema, ich bin gespannt, wie das dann am 10. Dezember herauskommt. Ich bin sehr gespannt.

SR: Sie sind ja sehr bekannt. Man spricht Sie auf der Strasse oder im Café an, leiden Sie unter Ihrer Bekanntheit?

O.C. Leiden ist sicher nicht der richtige Ausdruck. Es gibt sicher Fälle, wo man seine Ruhe haben möchte. Es ist sicher unangenehm, wenn man in einem Restaurant sitzt und einer ruft dann quer durch die Gegend "Ösi". Darauf könnt ich sicher verzichten. Aber meistens ist es eine schöne Sache, wenn man mich auf der Strasse erkennt.

SR: Vielen Dank dass Sie gekommen sind. Wir wünschen Ihnen in Ihrer weiteren Karriere alles Gute und viel Erfolg.

Ösis Autogramme sind wie immer sehr begehrt.