21.10.
2000 - 94. Lombardei-Rundfahrt (Ita) WC
Varese-Bergamo, 258km
Lombardei-Rundfahrt
Raimondas Rumsas Spurtsieger der Lombardei-Rundfahrt
Trotz seiner Aufgabe nach 20 km der 94.
Lombardei-Rundfahrt hat Erik Zabel (De) den Gesamt-Weltcup gewonnen.
Seinem letzten Herausforderer Andrej Tschmil blieb der Sieg verwehrt, der
dem Belgier noch erlaubt hätte, Zabel vom 1. Rang zu verdrängen. Überraschender
Spurtsieger in Bergamo wurde Raimondas Rumsas (Lit), der sich vor
Francesco Casagrande (It) und Nilas Axelsson (Sd) klassierte.
[si/man] -
Die Schweizer blieben im Rennen der fallenden Blätter ihrer Tradition
einer offensiven Fahrweise treu. Oscar Camenzind, Gewinner der
Lombardei-Rundfahrt vor zwei Jahren, gehörte der ersten wichtigen und
prominenten Fluchtgruppe an, die sich rund 100 km vor dem Ziel bildete.
Weltmeisters Romans Vainsteins (Lett) gehörten ebenso dazu wie die
Italiener Andrea Peron, Fausto Radaelli und Andrea Tafi. Der
Innerschweizer wurde sich aber gewahr, dass seine Beine nicht so locker in
die Pedalen traten, wie er sich dies vorgestellt hatte. Deshalb stellte
sich Camenzind später in den Dienst seiner Sportgruppe und begünstigte
den Vorstoss seines stärkeren Teamkollegen Massimo Codol (It).
Beim Konter wirkte Beat Zberg mit. Der Urner hielt sich danach stets in
den vordersten Positionen. Doch ihm war klar, dass der Kräfteverschleiss
nicht spurlos vorbei gehen würde. Bei den Attacken in der letzten
Steigung hinauf zur Altstadt Bergamos musste Zberg Rumsas und Casagrande
ziehen lassen. Der 4. Platz bestätigte ihm aber, dass er nach seinem
Unfall im April in der Baskenland-Rundfahrt wieder zu seinem früheren
Leistungsvermögen gefunden hat. Beat Zberg: “Für mein Team und mich
ist es eine Genugtuung, dass ich wieder auf einem Top-Niveau fahren
kann.”
Beinahe Hoffnung verloren
Nach der unbefriedigenden Teamleistung in Paris - Tours und dem durch eine
Erkältung hervorgerufenen Verzicht auf die Strassen-WM waren bei Erik
Zabel erhebliche Zweifel wach geworden, ob er auch nach dem zehnten und
letzten wichtigen Eintagesrennen dieser Saison noch an der Spitze des
Weltcup-Klassementes stehen würde. Nicht ein Hinterrad-Defekt nach 12 km,
sondern die noch nicht ausgeheilte Erkältung zwangen den Deutschen schon
nach 20 km zur Aufgabe: “Als mein Puls nicht unter 200 sank, rieten mir
beide sportlichen Leiter, das Rennen einzustellen.”
Lediglich mit einem Sieg hätte es Andrej Tschmil noch schaffen können,
Zabel den Gesamt-Weltcup zu entreissen. Der Belgier
ukrainisch-moldawischer Abstammung verfügte auf einem schwierigen
Parcours aber nicht mehr über die Form, um eine bestimmende Rolle zu
spielen. Tschmil wurde lediglich 17., Zabel aber der der zweite deutsche
Radprofi nach Olaf Ludwig 1992, der den Weltcup gewann. Zabel eroberte das
weisse Trikot mit seinem Triumph im März in Mailand - San Remo, gab
danach die Führung nie mehr ab, sondern baute sie mit seinem Sieg im Gold
Race sogar noch aus. Tschmil war in der Flandern-Rundfahrt nach seiner
Solofahrt über die letzten 10 km der grosse Held.
Axelsson der unglückliche Held
Sechs Tage nach dem erstmaligen Gewinn des WM-Titels durch einen Osteuropäer
stand erneut ein Fahrer aus dem früheren Ostblock auf der obersten Stufe
des Podiums. Raimondas Rumsas (Lit) feierte in Bergamo den bedeutendsten
Erfolg einer Profi-Karriere, die während den ersten vier Jahren für eine
polnische Sportgruppe 20 Erfolge ausweist. In dieser Saison bei Fasso
Bortolo blieb Rumsas sieglos, aber der 28 Jahre alte Athlet beendete die
Vuelta als Fünfter.
Für das nächste Jahr könnte sich Rumsas einigen Ärger eingehandelt
haben. Casagrande warf ihm vor, sich im Final zu stark auf die Hinterräder
konzentriert zu haben. Der Italiener wechselt auf die nächste Saison von
Vini Caldirola zu Fassa Bortolo. Rumsas wies den Vorwurf von sich: “Ich
habe meine Arbeit gemacht. Nach einem Sieg gibt es sowieso keine
Gelegenheit zu Kritik, weil dann alles stimmt.”
Der unglückliche Held dieser Lombardei-Rundfahrt hiess Nicklas Axelsson.
Der Schwede wagte 30 km vor dem Ziel einen Solovorstoss und hätte dieses
klassische Eintagesrennen mit grosser Wahrscheinlichkeit für sich
entschieden. Ein Luft lassender Reifen verhinderte indessen auf den
letzten 4 km, dass Axelsson seinen bescheidenen Vorsprung ins Ziel retten
konnte.

10. und letztes Weltcuprennen der Saison
Varese - Bergamo (258 km):
1. Raimondas Rumsas (Lit), 6:18:36 (40,892 km/h)
2. Francesco Casagrande (It), gleiche Zeit
3. Nicklas Axelsson (Sd), 0:04
4. Beat Zberg (Sz), 0:07
5. Michele Bartoli (It)
6. Davide Rebellin (It), beide gleiche Zeit
7. Wladimir Belli (It), 0:22
8. Massimo Codol (It), 2:11
9. Gorazd Stangelj (Sln), 2:57
10. Paolo Bettini (It), 3:35
11. Alessandro Bertolini (It)
12. Luca Scinto (It)
13. Oscar Freire (Sp)
14. Stéphane Heulot(Fr)
15. Oscar Camenzind (Sz)
16. Michael Boogerd (Ho)
17. Andrej Tschmil (Be)
18. Marco Serpellini (It)
19. Richard Virenque (Fr)
20. Peter Farazijn (Be)
21. Gianni Faresin (It)
22. Mauro Gianetti (Sz)
23. Felice Puttini (Sz)
24. Daniele Nardello (It), alle gleiche Zeit
25. Andrea Tafi (It), 4:02
26. Gabriele Missaglia (It)
27. Marc Lotz (Ho)
28. José Enrique Gutierrez (Sp)
29. Sandro Giacomelli (It)
30. Sergej Lelekin (Russ), alle gleiche Zeit
Ferner:
33. Romans Vainsteins (Lett), 4:09
45. Patrick Calcagni (Sz), 14:08
49. Pietro Zucconi (Sz), gleiche Zeit
166 gestartet, 54 klassiert

Weltcup-Schlussklassement:
1. Erik Zabel (De), 347 Punkte
2. Tschmil, 285
3. Casagrande, 230
4. Bettini, 217
5. Vainsteins, 204
6. Freire, 164
7. Rebellin, 164
8. Fabio Baldato (It), 145
9. Zbigniew Spruch (Pol), 144
10. Peter van Petegem (Be), 135
Ferner:
13. Johan Museeuw (Be), 111
14. Markus Zberg (Sz), 93
16. Oscar Camenzind, 81
19. Michele Bartoli, 51
24. Mauro Gianetti, 36
35 klassiert
Sportgruppen:
1. Mapei (Bartoli), 96
2. Rabobank (Boogerd, Gebr. Zberg), 71
3. Fassa Bortolo (Belli, Rumsas), 60
4. Lampre (Camenzind), 58
5. Vini Caldirola (Cssagrande), 44
6. Team Deutsche Telekom (Zabel, Ullrich) 36
18 klassiert

Die letzten Sieger der Lombardei-Rundfahrt:
1981 Hennie Kuiper (Ned)
1982 Giuseppe Saronni (Ita)
1983 Sean Kelly (Irl)
1984 Bernard Hinault (Fra)
1985 Sean Kelly (Irl)
1986 Gianbattista Baronchelli (Ita)
1987 Moreno Argentin (Ita)
1988 Charly Mottet (Fra)
1989 Tony Rominger (CH)
1990 Gilles Delion (Fra)
1991 Sean Kelly (Irl)
1992 Tony Rominger (CH)
1993 Pascal Richard (CH)
1994 Viatcheslav Bobrik (Rus)
1995 Gianni Faresin (Ita)
1996 Andrea Tafi (Ita)
1997 Laurent Jalabert (Fra)
1998 Oscar Camenzind (CH)
1999 Mirco Celestino (Ita)
2000 Raimondas Rumsas (Lit)
