Der dem erweiterten Favoritenkreis
zugeordnete Andrej Tschmil hat das erste Rad-Weltcuprennen dieses Jahres,
die über 294 km führende Classique Mailand - Sanremo, für sich entschieden.
Der Wahlbelgier verhinderte den Hattrick von Erik Zabel, der nach zwei
Siegen mit Platz 2 vorliebnehmen musste. Bester Schweizer wurde Markus
Zberg, der den Sprint des grossen Hauptfeldes als 13. beendete.
Die Schweizer waren im spannenden Finale
zwar präsent, zu einem Spitzenplatz reichte es jedoch nicht. Beat Zberg
schloss zwar kurz vor dem letzten Kilometer zum solo führenden Italiener
Gabriele Colombo, dem Sieger von 1996, auf. Gut 200 m später kam es jedoch
zum Zusammenschluss. "Ich musste in dieser Situation einfach etwas
machen. Als ich zu Colombo vorgestossen war, ging aber alles sehr schnell,
und das Feld war sofort wieder da." Beat Zbergs jüngerer Bruder Markus
hatte vergeblich darauf gehofft, dass er dank der Aktion von Beat im Sprint
von seinen Teamkollegen unterstützt würde. "Ich war in der Entscheidung
leider ganz auf mich allein gestellt", bedauerte Markus Zberg.
Ausgerechnet als die Schweizer Hoffnungen
erloschen, nutzte der schon 36jährige Tschmil das kurze Zögern der Sprinter.
Mit einem trockenen Antritt holte der in Sibirien geborene Routinier gut
50 m Vorsprung heraus und verteidigte die Reserve auf der Zielgeraden
gegen das heranbrausende Feld mit Erfolg.
WM-Teilnehmer für 5 Länder
Tschmil ist ein ausgewiesener
Classique-Jäger.
Vor fünf Jahren gewann er mit Paris - Roubaix schon einmal ein Monument.
Im vergangenen Jahr beendete er die Flandern-Rundfahrt als Dritter, Mailand
- Sanremo als Fünfter, und 1997 setzte er sich im Weltcuprennen Paris
- Tours durch. Tschmil hatte 1989 als einer der ersten Profis aus der
ehemaligen Sowjetunion in den Westen gewechselt. Das Einzigartige am hervorragenden
Finisseur ist freilich, dass er an Weltmeisterschaften schon fünf verschiedene
Länder vertreten hat: die Sowjetunion, Russland, Moldawien, die Ukraine
und Belgien. Seit 1998 ist Tschmil Belgier.
Tschmil sagte hinterher, er habe schon
vor dem Rennen beabsichtigt, auf dem letzten Kilometer anzugreifen: "Die
Einholung des Duos Zberg/Colombo und das kurze Verharren der Konkurrenz
kamen mir dabei natürlich entgegen."
Zabel um 4.30 Uhr geweckt
Tschmil verhinderte mit seinem Gewaltsantritt
auf dem letzten Kilometer den ersten Hattrick in Sanremo. Erik Zabel hätte
sogar Eddy Merckx übertreffen können, der zwar zwischen 1966 und 1976
siebenmal an der Blumen-Riviera triumphiert hatte, aber nie dreimal in
Folge. Der Klassesprinter Zabel hielt in den Steigungen wie bereits in
den Jahren zuvor mit der Spitze mit, und sein Timing wäre erneut fast
aufgegangen.
Womöglich schlug sich die frühe Tagwache
negativ auf Zabels Explosivität im Endkampf aus. Schon um 4.30 Uhr hatten
UCI-Kommissäre in Zabels Quartier angeklopt, um eine Blutprobe zu nehmen.
"Das war eine Provokation", befand Zabel hinterher, "normalerweise
kommen sie um 6 Uhr. Ich konnte nachher nicht mehr einschlafen."
Auch Sieger Tschmil musste eine Blutkontrolle
über sich ergehen lassen, aber etwas später. Gewöhnlich wissen die Fahrer
vor dem Start, ob im Blut ein erhöhter Hämatokritwert nachgewiesen wurde.
Diesmal nicht. "Es war schon ein komisches Gefühl, so ins Rennen
zu steigen", sagte Tschmil.
Geschlagene Italiener
Bis einen Kilometer vor dem Ziel hatten
die Italiener das Rennen geprägt, letztlich setzte es für Bartoli und
Co. aber eine empfindliche Niederlage ab. Mit dem viertklassierten Stefano
Garzelli, dem Sieger der letztjährigen Tour de Suisse, brachten sie bloss
einen Fahrer unter die ersten 9. Der Weltranglistenerste Michele Bartoli
vermochte zwar an der Cipressa, der zweitletzten Steigung gut 20 km vor
dem Ziel, als einziger Profi die Attacke Marco Pantanis halbwegs zu kontern.
Aber in der folgenden, bis in die Schlusssteigung reichenden Fluchtaktion,
in der Bartoli auch der starke und treue Helfer Paolo Bettini zur Seite
stand, liess der Topfavorit zuviel Kraft, um am Poggio nochmals zu kontern.
Weltcuprennen Mailand - Sanremo (294 km):
1. Andrej Tschmil (Be)
2. Erik Zabel (De)
3. Zbigniew Spruch (Pol)
4. Stefano Garzelli (It)
5. Lauri Aus (Est)
6. Leon van Bon (Ho)
7. Peter van Petegem (Be)
8. Jo Planckaert (Be)
9. George Hincapie (USA)
10. Gabriele Balducci (It)
Ferner:
13. Markus Zberg (Sz)
28. Beat Zberg (Sz)
29. Oscar Camenzind (Sz)
58. Mauro Gianetti (Sz)
67. Pascal Richard (Sz), alle gleiche Zeit wie Tschmil
85. Rolf Huser (Sz) 3:03
100. Alexandre Moos (Sz) 6:47
114. Laurent Jalabert (Fr), gleiche Zeit
198 Fahrer gestartet, 169 klassiert.
Quelle: Blue Window
