Züri Metzgete 2003


 

Oscar Camenzind guter Siebter an der Züri Metzgete

Der Italiener Daniele Nardello siegte bei der 90. Austragung der Züri-Metzgete solo vor dem Deutschen Jan Ullrich sowie seinem Landsmann Paolo Bettini, der den Gesamtsieg im Weltcup damit praktisch auf sicher hat. Oscar Camenzind wurde guter Siebter.

[Si] - Nardello griff 8 km vor dem Ziel aus einer rund 20-köpfigen Spitzengruppe an und feierte auf der Zürcher Bellerivestrasse den wichtigsten Sieg seiner zehnjährigen Profikarriere. In der Verfolgergruppe waren sich der Fahrer nicht einige, deshalb wurde der 31-jährige Italiener an der Spitze nicht mehr eingeholt. Camenzind vermochte zwar immer mit der Spitze mithalten, konnte selber keine Akzente zu setzen. Im Spurt des Verfolgerfeldes musste er sich von vier Fahrern geschlagen geben und wurde Siebter.

"Ich bin zufrieden und nähere mich immer wieder der Weltspitze", so Camenzind. Er sei in der Spitzengruppe zu sehr auf sich gestellt gewesen ohne Teamhelfer und habe deshalb bewusst keine offensive Fahrweise gewählt. "Die Taktik war geprägt vom Kampf zwischen Michael Boogerd und Bettini", erklärte der Innterschweizer. NArdello habe schliesslich den richtigen Zeitpunkt für seine Attacke erwischt.

Ullrich ergriff zwar auf dem vorletzten Kilometer noch einmal die Initiative, allerdings zu spät: Er holte Nardello knapp nicht mehr ein. Es war für Ullrich nach fünft zweiten Plätzen bei der Tour de France nun auch schon der vierte zweite Platz bei der Züri-Metzgete. Den Spurt der Verfolgergruppe gewann Weltcup-Leader Paolo Bettini, der damit seine Führung im Zwischenklassement nach acht von zehn Prüfungen weiter ausbauen konnte.

Das Rennen unter den Favoriten wurde zu Beginn des letzten Aufstiegs auf den Pfannenstiel von Jan Ullrich lanciert. Als erster profitierte der Däne Michael Rasmussen vim Tempoforcing des Deutschen und wies bei der letzten Passage auf dem Pfannenstiel einen Vorsprung von über zehn Sekunden auf. In der letzten Steigung, der über 10 Prozent steilen Rampe beim Weiler Wetzwil, wurde der Däne, der 1999 im schwedischen Are Mountain-Bike-Weltmeister geworden war, wieder eingeholt.

Über 180 km wurde das Rennen von einer vier Fahrer umfassenden Spitzengruppe geprägt, der auch der Schweizer Martin Elmiger gehörte. Das Quartett, das nach knapp 50 km ausgerissen war, wies nach rund 100 km einen Maximalvorsprung von 10 Minuten 25 auf. Neben Elmiger gehören der Deutsche Fabian Wegmann, der Italiener Eddy Ratti sowie der Franzose Laurent Lefèvre der Spitzengruppe an. Im zweitletzten Aufstieg zum Pfannenstiel wurden schliesslich Wegmann und Ratti vom Feld eingeholt, Elmiger und Lefèvre wurden im Aufstieg bei Wetzwil wieder gestellt.

Resultate: Meisterschaft von Zürich (236 km): 1. Daniele Nardello (It) 5:55:30 (39,932 km/h). 2. Jan Ullrich (De) 0:06 zurück. 3. Paolo Bettini (It) 0:11. 4. Michael Boogerd (Ho). 5. Davide Rebellin (It). 6. Javier Pascual Rodriguez (Sp). 7. Oscar Camenzind (Sz). 8. David Moncoutié (Fr). 9. Michele Scarponi (It). 10. Cristian Moreni (It).

11. Francesco Casagrande (It). 12. Eladio Jimenez (Sp). 13. Patrik Sinkewitz (De). 14. Danilo Di Luca (It). 15. Didier Rous (Fr). 16. Richard Virenque (Fr). 17. Ivan Basso (It), alle gleiche Zeit. 18. Michael Rasmussen (Dä) 0:17. 19. Beat Zberg (Sz) 1:09. 20. Rik Verbrugghe (Be), gleiche Zeit.

21. Axel Merckx (Be) 1:12. 22. Christophe Brandt (Be) 1:18. 23. Massimiliano Lelli (It). 24. Juan Antonio Flecha (Sp). 25. Laurent Dufaux (Sz). 26. Christophe Oriol (Fr). 27. Mirko Celestino (It). 28. Ruggero Marzoli (It). 29. Matthias Kessler (De). 30. David Cañada (Sp), alle gleiche Zeit.

Ferner: 38. Steve Zampieri 1:37. 49. Pierre Bourquenoud 4:14. 58. Markus Zberg 9:36. 70. Alexandre Moos 11:27. 74. Daniel Schnider 15:19. 77. Grégory Rast. 82. Sven Montgomery. 83. Martin Elmiger, alle gleiche Zeit. -- 187 gestartet, 85 klassiert. Augegeben u.a. Dario Frigo (It, Vorjahressieger), Alexander Winokurow (Kas), Fabian Cancellara, Marcel Strauss, Patrick Calcagni, Niki Aebersold, Michael Albasini, Alex Zülle (alle Sz).

Weltcup-Stand (8/10): 1. Bettini 350. 2. Boogerd 204. 3. Peter van Petegem (Be) 203. 4. Rebellin 187. 5. Celestino 139. 6. Di Luca 136. Ferner: 31. Camenzind 28. 38. Beat Zberg 22. 45. Dufaux 16. 49. Markus Zberg 12.

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Wechselvolle Geschichte

Die Meisterschaft von Zürich findet am Sonntag zum 90. Mal statt - das Radrennen war jedoch mehrmals gefährdet

Die Aussichten auf einen Schweizer Erfolg bei der «Züri-Metzgete» sind gering. Als Favoriten gelten der italienische Weltcup-Leader Paolo Bettini und der deutsche Tour-de-France-Zweite Jan Ullrich.

Kein anderes Schweizer Radrennen hat derart stürmische Zeiten erlebt wie die Meisterschaft von Zürich, welche am Sonntag zum 90. Mal stattfindet. In den letzten 35 Jahren haben nur zwei Einheimische das einzige Weltcuprennen auf Schweizer Boden gewonnen: 1981 Beat Breu und 2001 Laurent Dufaux. Während die Vier-Kantone-Rundfahrt bereits vor 30 Jahren aus dem Rennkalender verschwunden ist und die Nordwestschweizer mittlerweile als Berner Rundfahrt ein Schattendasein fristet, findet die «Züri-Metzgete» immer noch statt und zwar auf höchstem Niveau. Die Veranstaltung war allerdings mehrmals gefährdet, seit sie sich 1968 in der Hierarchie im Weltcup-Vorgänger «Superprestige» erstmals ganz oben eingereiht hat. Der Radfahrer-Verein Zürich (RVZ) hatte den Schritt nach vorne gewagt, war aber bald hoffnungslos überfordert. Die Organisation eines solchen Anlasses war für ehrenamtliche Funktionäre schon vor 30 Jahren eine Nummer zu gross.

Journalisten als Retter

Der RVZ hat zwar bis heute die Veranstaltungsrechte behalten. Aber nach dem Muster grosser ausländischer Rennen übernahmen Medien und Marketingagenturen das Kommando. Als die Meisterschaft von Zürich 1977 wieder einmal zu verschwinden drohte, zogen der Radiojournalist Sepp Renggli und Noldi Wehrle, Direktor der Agentur Sportinformation, die Fäden, während der Zürcher «Tages-Anzeiger» für 15 Jahre die finanzielle Verantwortung übernahm.

Seit 1993 liegt das Schicksal nicht mehr in Zürcher Händen. Damals ging der RVZ mit der Firma Sportcom des Basler Journalisten Serge Lang einen Fünfjahresvertrag ein. Ein Abkommen, das dem Rennen nicht zum Vorteil gereichte. Die Verlegung des Starts nach Basel hatte zur Folge, dass man sich in Zürich mit dem Rennen nicht mehr verbunden fühlte. Ab 1999 organisierte der Genfer Daniel Perroud die Prüfung drei Mal auf dem heutigen Parcours mit Start und Ziel am Utoquai. Aus finanziellen Gründen wurde der Vertrag mit dem früheren Tour-de-Romandie-Veranstalter nicht mehr erneuert.

Der RV Zürich spielt heute weder sportlich noch organisatorisch eine wichtige Rolle. Auf Rat eines Aussenstehenden trat im letzten Jahr mit einer Hamburger Sportagentur nicht ohne Nebengeräusche gar ein ausländischer Partner auf. Der RVZ verkaufte die Veranstalterlizenz für fünf Jahre aus undurchsichtigen Gründen der UCI-Stiftung «Arc en ciel». Der Weltradsportverband übertrug die Organisation nach Deutschland.

Hoffnungsträger Camenzind

Weltcup-Leader Paolo Bettini und der Tour-de-France-Zweite Jan Ullrich gelten am bestbesetzten Schweizer Eintagesrennen als Favoriten. Der Italiener gewann 2001 und war letztes Jahr Zweiter, der Wahlschweizer beendete das Rennen bereits dreimal auf Rang 2. Die Aussichten auf einen Schweizer Erfolg sind gering. Für eine Spitzenklassierung dürfte einzig Phonak-Fahrer Oscar Camenzind in Frage kommen. Dessen Team steht einmal mehr unter Druck; eine Ausgangslage, welche Phonak nicht sehr behagt. Das ehrgeizige Saisonziel die Berücksichtigung für die Tour de France wurde verpasst, die Rehabilitierung an der Tour de Suisse gelang in Form eines Etappensiegs (Oscar Pereiro) nur ansatzweise.

Wie schon letztes Jahr klassierten sich Phonak-Fahrer diese Saison häufig auf Rang 2 nicht weniger als 20-mal. Zudem resultierten zehn Siege. Abgesehen von den Erfolgen Martin Elmigers in Gippingen und Pereiros an der Tour de Suisse war Phonak jedoch in weniger bedeutenden Prüfungen siegreich. Dass Elmiger «zur Strafe» für den verpassten Sieg in der Tour-de-Romandie-Etappe in Lucens nicht für die Schweizer Landesrundfahrt nominiert wurde, passt zum Bild eines Teams, dessen Zusammensetzung keine klare Handschrift erkennen lässt.

(WALTER LEIBUNDGUT, 16.08.2003 im «Bund»)

www.zueri-metzgete.ch