Oscar
Camenzind guter Siebter an der Züri Metzgete
Der
Italiener Daniele Nardello siegte bei der 90. Austragung
der Züri-Metzgete solo vor dem Deutschen Jan Ullrich
sowie seinem Landsmann Paolo Bettini, der den Gesamtsieg
im Weltcup damit praktisch auf sicher hat. Oscar Camenzind
wurde guter Siebter.
[Si] - Nardello griff 8 km vor dem Ziel aus einer rund 20-köpfigen
Spitzengruppe an und feierte auf der Zürcher Bellerivestrasse
den wichtigsten Sieg seiner zehnjährigen Profikarriere.
In der Verfolgergruppe waren sich der Fahrer nicht einige,
deshalb wurde der 31-jährige Italiener an der Spitze
nicht mehr eingeholt. Camenzind vermochte zwar immer mit
der Spitze mithalten, konnte selber keine Akzente zu setzen.
Im Spurt des Verfolgerfeldes musste er sich von vier Fahrern
geschlagen geben und wurde Siebter.
"Ich
bin zufrieden und nähere mich immer wieder der Weltspitze",
so Camenzind. Er sei in der Spitzengruppe zu sehr auf sich
gestellt gewesen ohne Teamhelfer und habe deshalb bewusst
keine offensive Fahrweise gewählt. "Die Taktik
war geprägt vom Kampf zwischen Michael Boogerd und
Bettini", erklärte der Innterschweizer. NArdello
habe schliesslich den richtigen Zeitpunkt für seine
Attacke erwischt.
Ullrich
ergriff zwar auf dem vorletzten Kilometer noch einmal die
Initiative, allerdings zu spät: Er holte Nardello knapp
nicht mehr ein. Es war für Ullrich nach fünft
zweiten Plätzen bei der Tour de France nun auch schon
der vierte zweite Platz bei der Züri-Metzgete. Den
Spurt der Verfolgergruppe gewann Weltcup-Leader Paolo Bettini,
der damit seine Führung im Zwischenklassement nach
acht von zehn Prüfungen weiter ausbauen konnte.
Das
Rennen unter den Favoriten wurde zu Beginn des letzten Aufstiegs
auf den Pfannenstiel von Jan Ullrich lanciert. Als erster
profitierte der Däne Michael Rasmussen vim Tempoforcing
des Deutschen und wies bei der letzten Passage auf dem Pfannenstiel
einen Vorsprung von über zehn Sekunden auf. In der
letzten Steigung, der über 10 Prozent steilen Rampe
beim Weiler Wetzwil, wurde der Däne, der 1999 im schwedischen
Are Mountain-Bike-Weltmeister geworden war, wieder eingeholt.
Über
180 km wurde das Rennen von einer vier Fahrer umfassenden
Spitzengruppe geprägt, der auch der Schweizer Martin
Elmiger gehörte. Das Quartett, das nach knapp 50 km
ausgerissen war, wies nach rund 100 km einen Maximalvorsprung
von 10 Minuten 25 auf. Neben Elmiger gehören der Deutsche
Fabian Wegmann, der Italiener Eddy Ratti sowie der Franzose
Laurent Lefèvre der Spitzengruppe an. Im zweitletzten
Aufstieg zum Pfannenstiel wurden schliesslich Wegmann und
Ratti vom Feld eingeholt, Elmiger und Lefèvre wurden
im Aufstieg bei Wetzwil wieder gestellt.
Resultate:
Meisterschaft von Zürich (236 km): 1. Daniele Nardello
(It) 5:55:30 (39,932 km/h). 2. Jan Ullrich (De) 0:06 zurück.
3. Paolo Bettini (It) 0:11. 4. Michael Boogerd (Ho). 5.
Davide Rebellin (It). 6. Javier Pascual Rodriguez (Sp).
7. Oscar Camenzind (Sz). 8. David Moncoutié
(Fr). 9. Michele Scarponi (It). 10. Cristian Moreni (It).
11.
Francesco Casagrande (It). 12. Eladio Jimenez (Sp). 13.
Patrik Sinkewitz (De). 14. Danilo Di Luca (It). 15. Didier
Rous (Fr). 16. Richard Virenque (Fr). 17. Ivan Basso (It),
alle gleiche Zeit. 18. Michael Rasmussen (Dä) 0:17.
19. Beat Zberg (Sz) 1:09. 20. Rik Verbrugghe (Be), gleiche
Zeit.
21.
Axel Merckx (Be) 1:12. 22. Christophe Brandt (Be) 1:18.
23. Massimiliano Lelli (It). 24. Juan Antonio Flecha (Sp).
25. Laurent Dufaux (Sz). 26. Christophe Oriol (Fr). 27.
Mirko Celestino (It). 28. Ruggero Marzoli (It). 29. Matthias
Kessler (De). 30. David Cañada (Sp), alle gleiche
Zeit.
Ferner:
38. Steve Zampieri 1:37. 49. Pierre Bourquenoud 4:14. 58.
Markus Zberg 9:36. 70. Alexandre Moos 11:27. 74. Daniel
Schnider 15:19. 77. Grégory Rast. 82. Sven Montgomery.
83. Martin Elmiger, alle gleiche Zeit. -- 187 gestartet,
85 klassiert. Augegeben u.a. Dario Frigo (It, Vorjahressieger),
Alexander Winokurow (Kas), Fabian Cancellara, Marcel Strauss,
Patrick Calcagni, Niki Aebersold, Michael Albasini, Alex
Zülle (alle Sz).
Weltcup-Stand
(8/10): 1. Bettini 350. 2. Boogerd 204. 3. Peter van Petegem
(Be) 203. 4. Rebellin 187. 5. Celestino 139. 6. Di Luca
136. Ferner: 31. Camenzind 28. 38. Beat
Zberg 22. 45. Dufaux 16. 49. Markus Zberg 12.
Bild
Wechselvolle Geschichte
Die Meisterschaft von Zürich findet am
Sonntag zum 90. Mal statt - das Radrennen war jedoch mehrmals
gefährdet
Die Aussichten auf einen Schweizer Erfolg bei der «Züri-Metzgete»
sind gering. Als Favoriten gelten der italienische Weltcup-Leader
Paolo Bettini und der deutsche Tour-de-France-Zweite Jan
Ullrich.
Kein anderes Schweizer Radrennen hat derart stürmische
Zeiten erlebt wie die Meisterschaft von Zürich, welche
am Sonntag zum 90. Mal stattfindet. In den letzten 35 Jahren
haben nur zwei Einheimische das einzige Weltcuprennen auf
Schweizer Boden gewonnen: 1981 Beat Breu und 2001 Laurent
Dufaux. Während die Vier-Kantone-Rundfahrt bereits
vor 30 Jahren aus dem Rennkalender verschwunden ist und
die Nordwestschweizer mittlerweile als Berner Rundfahrt
ein Schattendasein fristet, findet die «Züri-Metzgete»
immer noch statt und zwar auf höchstem Niveau. Die
Veranstaltung war allerdings mehrmals gefährdet, seit
sie sich 1968 in der Hierarchie im Weltcup-Vorgänger
«Superprestige» erstmals ganz oben eingereiht
hat. Der Radfahrer-Verein Zürich (RVZ) hatte den Schritt
nach vorne gewagt, war aber bald hoffnungslos überfordert.
Die Organisation eines solchen Anlasses war für ehrenamtliche
Funktionäre schon vor 30 Jahren eine Nummer zu gross.
Journalisten
als Retter
Der
RVZ hat zwar bis heute die Veranstaltungsrechte behalten.
Aber nach dem Muster grosser ausländischer Rennen übernahmen
Medien und Marketingagenturen das Kommando. Als die Meisterschaft
von Zürich 1977 wieder einmal zu verschwinden drohte,
zogen der Radiojournalist Sepp Renggli und Noldi Wehrle,
Direktor der Agentur Sportinformation, die Fäden, während
der Zürcher «Tages-Anzeiger» für 15
Jahre die finanzielle Verantwortung übernahm.
Seit
1993 liegt das Schicksal nicht mehr in Zürcher Händen.
Damals ging der RVZ mit der Firma Sportcom des Basler Journalisten
Serge Lang einen Fünfjahresvertrag ein. Ein Abkommen,
das dem Rennen nicht zum Vorteil gereichte. Die Verlegung
des Starts nach Basel hatte zur Folge, dass man sich in
Zürich mit dem Rennen nicht mehr verbunden fühlte.
Ab 1999 organisierte der Genfer Daniel Perroud die Prüfung
drei Mal auf dem heutigen Parcours mit Start und Ziel am
Utoquai. Aus finanziellen Gründen wurde der Vertrag
mit dem früheren Tour-de-Romandie-Veranstalter nicht
mehr erneuert.
Der
RV Zürich spielt heute weder sportlich noch organisatorisch
eine wichtige Rolle. Auf Rat eines Aussenstehenden trat
im letzten Jahr mit einer Hamburger Sportagentur nicht ohne
Nebengeräusche gar ein ausländischer Partner auf.
Der RVZ verkaufte die Veranstalterlizenz für fünf
Jahre aus undurchsichtigen Gründen der UCI-Stiftung
«Arc en ciel». Der Weltradsportverband übertrug
die Organisation nach Deutschland.
Hoffnungsträger
Camenzind
Weltcup-Leader
Paolo Bettini und der Tour-de-France-Zweite Jan Ullrich
gelten am bestbesetzten Schweizer Eintagesrennen als Favoriten.
Der Italiener gewann 2001 und war letztes Jahr Zweiter,
der Wahlschweizer beendete das Rennen bereits dreimal auf
Rang 2. Die Aussichten auf einen Schweizer Erfolg sind gering.
Für eine Spitzenklassierung dürfte einzig Phonak-Fahrer
Oscar Camenzind in Frage kommen. Dessen Team steht einmal
mehr unter Druck; eine Ausgangslage, welche Phonak nicht
sehr behagt. Das ehrgeizige Saisonziel die Berücksichtigung
für die Tour de France wurde verpasst, die Rehabilitierung
an der Tour de Suisse gelang in Form eines Etappensiegs
(Oscar Pereiro) nur ansatzweise.
Wie
schon letztes Jahr klassierten sich Phonak-Fahrer diese
Saison häufig auf Rang 2 nicht weniger als 20-mal.
Zudem resultierten zehn Siege. Abgesehen von den Erfolgen
Martin Elmigers in Gippingen und Pereiros an der Tour de
Suisse war Phonak jedoch in weniger bedeutenden Prüfungen
siegreich. Dass Elmiger «zur Strafe» für
den verpassten Sieg in der Tour-de-Romandie-Etappe in Lucens
nicht für die Schweizer Landesrundfahrt nominiert wurde,
passt zum Bild eines Teams, dessen Zusammensetzung keine
klare Handschrift erkennen lässt.
(WALTER LEIBUNDGUT, 16.08.2003 im «Bund»)
www.zueri-metzgete.ch