Interview mit Oscar Camenzind nach der Tour de France
Aus Bote
der Urschweiz
Nicht
nur eingefleischte Ösi-Fans fieberten während den letzten
drei Wochen mit Oscar Camenzind mit. Seit seinem Abschneiden
an der Tour de Suisse und der hervorragenden Leistung an der
Tour de France, mit dem 12. Gesamtrang, steht jeder Schweizer
Radsportfan hinter dem Schwyzer.
Oscar Camenzind hat jetzt zwei grosse Etappenrennen hinter
sich. Zuerst beteiligte er sich mit grossem Erfolg an der
Tour de Suisse und in den letzten drei Wochen am härtesten
Mehretappenrennen der Welt, an der Tour de France.
Sie sagten
selbst schon: Keiner kann auf zwei Hochzeiten tanzen. Wo werden
Sie im nächsten Jahr Prioritäten setzen und auf welcher Hochzeit
wollen Sie nächstes Jahr tanzen?
Camenzind:
"Ich bin überzeugt, dass ich mich in Zukunft einmal auf
eine dreiwöchige Rundfahrt konzentrieren sollte. Dabei müsste
ich praktisch auf die Tour de Suisse verzichten. Verzichten
in dem Sinne, dass ich sie wohl fahren würde, aber nur noch
als Vorbereitung. Das ist wohl auch fast die wichtigste Erkenntnis,
die ich in diesen zwei Rennereignissen geholt habe."
Haben Sie
denn das Gefühl, dass Ihre Form dieses Jahr etwas zu früh
eingesetzt hat?
Camenzind:
"Nein. Ich habe schon vor der Tour de Suisse gesagt,
dass ich ohne Rücksicht auf die Tour de France fahre. Ich
habe formmässig voll auf die Tour de Suisse gesetzt. Es ist
dann ganz klar, dass wenn es in den letzten Etappen gut läuft,
man sich davon ein Stück mit in die Tour de France nehmen
will. Ich musste aber feststellen, dass ich an der Tour de
France nie mehr die Beine hatte wie an der Tour de Suisse.
Es gab nie einen Tag, an dem ich wirklich Superbeine hatte.
(Nachdenklich) Gut, im Grunde genommen muss ich sagen, stimmte
meine Form alles in allem gesehen doch nicht schlecht."
Wie sieht
es demzufolge im nächsten Jahr aus?
Camenzind:
"Das ist eine Sache die ich über den Winter mit dem sportlichen
Leiter besprechen muss. Es ist durchgesickert, dass Pavel
Tonkow in der nächsten Saison auf die Tour de France angesetzt
werden soll. Da ist es dann noch offen, ob ich möglicherweise
den Giro d'Italia fahre. Ich persönlich setze lieber auf die
Tour de France. Ich denke aber, dass ich in Zukunft schwerpunktmässig
auf eine dreiwöchige Tour angesetzt werde."
Kann es sich
Ihr Team leisten, einfach ohne Sie eine Tour de France zu
bestreiten, denn eine Visitenkarte Ihres Könnens haben sie
in den letzten drei Wochen hinterlegt?
Camenzind:
"Nein, das glaube ich schon nicht. Was aber feststeht,
dass ich andere Prioritäten setzen muss. Diejenigen Fahrer,
die im Gesamtklassement vorne mit dabei sind, haben sich ausnahmslos
auf die Tour de France vorbereitet."
Generell
gesehen: Waren Sie mit dem Verlauf der Tour de France zufrieden?
Camenzind:
"Ich persönlich bin zufrieden, obwohl ich, wenn ich Bilanz
ziehe, sagen muss, dass die dritte Woche recht hart war. Da
befand ich mich einige Male hart am Anschlag. Die Müdigkeit
hat man vor allem am Abend stark gespürt. Da mochte man oft
nicht einmal mit dem Zimmernachbar mehr reden. Dazu kam noch
die Erkältung, die ich vor allem in der dritten Woche zu spüren
bekam."
Im Vorjahr
war es der 36. Rang, jetzt der 12. Auf diese Leistung dürfen
Sie und wir Schweizer stolz sein. Trotzdem die Frage, wäre
eine bessere Klassierung möglich gewesen, wenn Sie an der
Tour de Suisse Kräfte gespart hätten?
Camenzind:
"Davon bin ich überzeugt und habe auch schon mit dem
sportlichen Leiter darüber diskutiert. Ich habe schon an der
Österreich-Rundfahrt gespürt, dass es mir gut läuft, vor allem
auch in den Bergen. Meine Höchstform war genau auf den Juni
geplant. Im modernen Radsport ist es so, dass man die Höchstform
während rund einem Monat halten kann, dann flacht sie wieder
ab. Je nach dem wie die Saison aufgebaut wird, kann man im
Frühling ein Hoch haben, Mitte Jahr noch eines oder im Herbst
alternierend noch eines. Ich hoffe, im September und Oktober
nochmals brillieren zu können.
Wie gross
war das Handicap der Mannschaft? Fast allen anderen Spitzenfahrer
hatten immer Helfer um sich. Sie waren praktisch immer auf
sich alleine gestellt.
Camenzind:
"Auf den realtiv einfachen und flachen Etappen hatte
ich immer Helfer um mich. In den Bergen war ich tatsächlich
auf mich alleine gestellt. Ich habe mich dann an anderen Fahrern
orientieren müssen. Ein Beispiel war Abraham Olano. Es sind
auch die kleinen Sachen, die zu Buche schlagen, wenn man alleine
ist. Da kann schon das Wasser holen lästig sein."
Aber Sie
verlangen nach Unterstützung?
Camenzind:
"Ganz klar. Das ist eine Sache, die das Team während
des Winters besprechen muss. Wir benötigen unbedingt für dreiwöchige
Touren ein bis zwei starke Helfer für Bergetappen."
Welches war
der grösste Aufsteller beziehungsweise Absteller an der Tour?
Camenzind:
"Aufsteller: Der zweite Rang in Colmar, da hat nur das
Pünktchen auf dem i gefehlt. Absteller: Die eine Bergetappe
und die Etappe nach Fribourg, da habe ich mich relativ mies
gefühlt."
Wie war der
Kontakt unter den Fahrern an dieser Tour, beispielsweise mit
Sieger Jan Ulrich?
Camenzind:
"Wir haben an der Tour de Suisse öfter miteinander geredet.
An der Tour war der Medienrummel gross, da haben wir uns gegenseitig
in Ruhe gelassen. Während der Tour hat man aber schon das
eine oder andere Wort unter den Fahrern gewechselt."
Haben Sie
gemerkt, dass das Interesse an Ihrer Person in der Schweiz
gestiegen ist?
Camenzind:
"Das habe ich schon mitbekommen, vor allem in den Alpen,
wo viele Schweizer beiwohnten. Mein Schweizer Kreuz war auffällig,
sogar den Franzosen ist es aufgefallen."
Hat Ihre
Freundin Angela Öschger nie Angst um Sie, wenn Sie mit hohen
Geschwindigkeiten die Berge heruntersausen?
Angela Öschger
(Ösi überlässt ihr die Antwort gleich selbst): Ich habe immer
ein wenig Angst um ihn, bete, dass er heil herunterkommt,
vor allem dann, wenn er ohne Helm unterwegs ist."
Erinnern
Sie sich noch an eine lustige Story an der Tour?
Camenzind:
"Auf den Champs-Elysées musste ich 400 Meter vor dem
Ziel stark abbremsen, denn ich hätte fast einen Nackten (Flitzer)
über den Haufen gefahren. Hinter dem jagte bereits ein Flic
(Polizist) her."
Wie erholen
Sie sich jetzt von der Tour und wie sieht das Rennprogramm
aus?
Camenzind:
Erholen - das ist noch schwierig zu sagen. Ich fühle mich
derzeit erstaunlich gut, die Müdigkeit kommt vermutlich in
einer Woche. Bereits am Dienstag geht es im Rennprogramm weiter.
Ab 9. August folgen die Weltcuprennen mit San Sebastian, Rochester
und Züri-Metzgete."
Wie sieht
es mit dem Vertrag für die nächste Saison aus?
Camenzind:
"Ich denke, der dürfte etwas besser ausfallen."
Wieviel Preisgeld
haben Sie und Ihr Team an der Tour de France verdient?
Camenzind:
"Mit allen Sprints und Klassierungen dürften es für das
Team rund 200'000 Francs sein, das heisst knapp unter 50'000
Franken. 15 Prozent der Preisgelder geht an die Helfer, der
Rest wird gemäss einem besonderen Schlüssel an die Fahrer
verteilt. Als Tour-Zwölfter erhalte ich 18'000 Francs (ca.
3600 Franken). Zum Vergleich: Sieger Jan Ullrich kassiert
2,2 Mio. Francs (ca. 440'000 Franken.)" |