Tour de Suisse 1997


 

Die Tour de Suisse, ihres Zeichens viertgrößte Rundfahrt im Profi-Radrennsport, lief 1997 vom 17. bis 26. Juni über insgesamt 1600 km. Sie diente vielen Fahrern zur letzten Vorbereitung auf die Tour de France und war aufgrund ihres Schwierigkeitsgrades in diesem Jahr in die höchste Kategorie für Etappenfahrten dieser Größe aufgenommen worden.

Etappenplan der Tour de Suisse 1997

Gesamtlänge 1601,3 km


 

Die Fachzeitschrift RADSPORT, das offizielle Organ des Schweizerischen Rad- und Motorfahrerbundes (SRB), präsentiert OSCAR CAMENZIND als FAHRER DES MONATS

OSCAR CAMENZIND - IN 18 MONATEN VON 0 AUF 100

Mit zwei Etappensiegen (in Romanshorn und Davos) und dem zweiten Rang im Schlussklassement hat der 26jährige Schwyzer an der Tour de Suisse endgültig den Durchbruch an die Spitze geschafft. Er war der deutlich stärkste Fahrer des Rennens und hätte die Rundfahrt zweifellos gewonnen, wenn ihm nicht sein Team im Jura einen Streich gespielt hätte. Das Sahnehäubchen auf seine Gala-Vorstellungen der letzten Wochen setzte Camenzind drei Tage nach der Tour de Suisse, als er in Sulz nach einem Solo über 40 km überlegener Schweizer Meister und Nachfolger von Armin Meier wurde.

Oscar Camenzinds Karriere hat in den letzten 18 Monaten einen erstaunlichen Verlauf genommen. Schon als Neoprofi wurde der ehemalige Briefträger 1996 an die Tour de France geschickt und erreichte dort auf Anhieb den 36. Platz im Schlussklassement. Beeindruckend war aber vor allem seine Leistung als Helfer von Mauro Gianetti an der Weltmeisterschaft im Oktober in Lugano, wo Camenzind massgeblich zur Silbermedaille des Tessiners beitrug.

Fusion als Glücksfall

Auch die Fusion des Panaria-Teams mit Mapei Ende 1996 konnte den Aufstieg von Camenzind nicht stoppen. Zunächst befürchtete Camenzind zwar, im grossen Mapei-Team mit seinen vielen Stars als namenloser Helfer zu verkümmern. Doch dann trat genau das Gegenteil ein: Bei Mapei verabschiedeten sich Tony Rominger und Abraham Olano, und die neue Teamleitung unter Ex-Weltmeister Giuseppe Saronni räumte dem jungen Camenzind von Anfang an eine wichtige Rolle im Team ein.

In diesem Jahr musste der Schweizer nicht mehr wie im letzten Jahr bei Panaria nach dem Zufallsprinzip von Rennen zu Rennen hetzen, sondern erhielt im Frühjahr wie Rominger und Zülle eine gut strukturierte Saisonplanung. Diese enthielt auch eine sechswöchige Rennpause vor den grossen Rundfahrten, so dass es Camenzind manchmal schon fast langweilig wurde. Als er dann endlich wieder Rennen fahren durfte, bestritt der ausgeruhte und erfolgshungrige Oscar Camenzind Anfang Juni die Österreich-Rundfahrt, wo er gleich den Prolog und die Königsetappe gewann. Diese Rundfahrt diente ihm aber vor allem als Aufbaurennen für seine grossen Saisonziele, die Tour de Suisse und die Tour de France.

Schon an der Tour de Suisse hätte Camenzind einen Vollerfolg feiern können, wenn der als Sportlicher Leiter von Mapei eingesetzte Belgier Patrick Lefèvre etwas mehr Vertrauen in den Schweizer gehabt hätte. Statt die Interessen von Leader Camenzind zu schützen, setzte Lefèvre in der vieldiskutierten dritten Etappe von Basel nach La Chaux-de-Fonds auf den in der Spitzengruppe mitfahrenden Italiener Valentino Fois, der sich aber als Non-Valeur erwies. Zum Profiteur wurde dadurch der spätere Tour-Sieger Christophe Agnolutto. «Vielleicht war es ein Nachteil, dass ich in dieser Etappe Leader war», meinte Camenzind im nachhinein, «ich fühlte mich trotz des Goldtrikots noch nicht als Tour-Favorit und rechnete damit, dass die anderen Teams wie Telekom oder Once die Verantwortung für das Rennen übernehmen wurden. Leider war dies eine falsche Überlegung.»

Die Tour de Suisse war für Camenzind dennoch eine positive Erfahrung. «Diese Tour war ein enormer Schritt nach vorne für mich. Ich habe viel dazugelernt. Zum Beispiel war dieser permanente Medienrummel ungewohnt für mich.» Trotz des unglücklichen Rennverlaufs hegt Camenzind keinen Groll gegen das Team. Manager Robert Ochsner hat sich mit Giuseppe Saronni bereits auf eine Vertragsverlängerung bis Ende 1999 geeinigt. Ochsner rechnet ohnehin damit, dass sich die belgische GB-Fraktion (mit Weltmeister Johan Museeuw) Ende Jahr von Mapei abspalten wird.

Leader an der Tour de France

Oscar Camenzind hingegen ist bei der italienischen Squadra zur festen Grösse geworden. Das lässt sich auch an den Dispositionen für die Tour de France ablesen. Für das wichtigste Rennen der Saison ist er beim weltbesten Team (Nummer 1 der UCI-Weltrangliste) als einer drei Leadem neben Daniele Nardello (It) und Franck Vandenbroucke (Be) gesetzt worden, während der eigentliche Rundfahrtenleader Pawel Tonkow (Rus) gar nicht zum Aufgebot gehört. «Keiner von uns gehört zu den Tourfavoriten», denkt Camenzind, «aber als unbeachtete Aussenseiter 'können wir uns vielleicht irgendwo anhängen und für Überraschung sorgen».

Einen Platz unter den ersten im Schlussklassement hält Camenzind durchaus für möglich, «noch lieber würde ich eine Etappe gewinnen. Mit der Erfahrung aus dem letzten Jahr wird mir die Tour diesmal sicherlich leichter. Allerdings bin ich jetzt schon zehn Tage lang in der Tour de Suisse immer voll gefahren, während sich andere noch geschont haben und vielleicht mehr Reserven haben den.»

Dass sich Spitzenergebnisse der Tour de Suisse und der Tour de France nicht gegenseitig ausschliessen müssen, haben schon Alex 1995 (Zweiter in beiden Rennen und der Österreicher Peter Luttenberger 1996 (1. Tour de Suisse, 5. Tour de France) gezeigt. Die Konkurrenten nehmen sich auf jeden Fall in acht vor dem Aufsteiger des Jahres. «Für mich zählt Camenzind zu den Favoriten für die Tour», meinte zum Beispiel Alex Zülle aus berufenem Mund.

Ivo Riesco


28.12.97 Tour-Sieger und Herzgewinner

Sonntags Zeitung Sportrückblick/ Erinnern Sie sich noch an Christophe Agnolutto? Oder ist seine Bekanntheit schon wieder dort, wo sie am 19. Juni war, nahe der Nullgradgrenze?

An jenem Donnerstag begann für den Veloprofi Agnolutto, der zuvor eher einmal abgefallen denn aufgefallen war und der nur als Ersatz wegen einer Unpässlichkeit seines Teamleaders Pascal Richard zur Tour de Suisse gekommen war, die bisher grösste Woche seines Sportlerlebens. In der dritten Etappe, von Basel nach La Chaux-de-Fonds, fuhr er 67 km lang voraus. Zuerst in Begleitung, dann allein zum Sieg.

Weit hinten schaukelte das Feld nach einer anfänglichen Hatz über die ersten 50 km nur noch dem Feierabend entgegen, und darin fühlte sich der Innerschweizer Oscar Camenzind von seiner Mannschaft verschaukelt. Er, der alte Leader, hatte im Ziel 11:23 Minuten Rückstand auf den neuen, den grossen Unbekannten im bekannten Goldtrikot: Christophe Agnolutto, Franzose im zweiten Profijahr, 27, und zuvor mit erst einem Sieg dekoriert.

Camenzind machte sich in den restlichen sieben Tour-Tagen auf die Jagd nach dem verlorenen Schatz. Agnolutto verteidigte ihn. Sein Vorsprung schmolz wie der Sommerschnee, der einen Teil der Königsetappe verhindert hatte. Aber ein Rest von gut zwei Minuten blieb.

Am Ende war Christophe Agnolutto der ungeliebte Sieger der Tour, welche mit Zülle und Rominger, mit Riis und Ullrich die grösste seit Kübler/Koblet hätte werden sollen. Und Oscar Camenzind hatte "nur" zwei Etappen und das Punkteklassement gewonnen - aber mit seiner erfrischenden Art die Herzen der Schweizer Sportfans. (Daniel Wehrle)