Die Fachzeitschrift RADSPORT,
das offizielle Organ des Schweizerischen Rad- und Motorfahrerbundes
(SRB), präsentiert OSCAR CAMENZIND als FAHRER
DES MONATS
OSCAR CAMENZIND -
IN 18 MONATEN VON 0 AUF 100
Mit zwei Etappensiegen (in
Romanshorn und Davos) und dem zweiten Rang im Schlussklassement
hat der 26jährige Schwyzer an der Tour de Suisse endgültig
den Durchbruch an die Spitze geschafft. Er war der deutlich
stärkste Fahrer des Rennens und hätte die Rundfahrt zweifellos
gewonnen, wenn ihm nicht sein Team im Jura einen Streich gespielt
hätte. Das Sahnehäubchen auf seine Gala-Vorstellungen der
letzten Wochen setzte Camenzind drei Tage nach der Tour de
Suisse, als er in Sulz nach einem Solo über 40 km überlegener
Schweizer Meister und Nachfolger von Armin Meier wurde.
Oscar Camenzinds Karriere
hat in den letzten 18 Monaten einen erstaunlichen Verlauf
genommen. Schon als Neoprofi wurde der ehemalige Briefträger
1996 an die Tour de France geschickt und erreichte dort auf
Anhieb den 36. Platz im Schlussklassement. Beeindruckend war
aber vor allem seine Leistung als Helfer von Mauro Gianetti
an der Weltmeisterschaft im Oktober in Lugano, wo Camenzind
massgeblich zur Silbermedaille des Tessiners beitrug.
Fusion als Glücksfall
Auch die Fusion des Panaria-Teams
mit Mapei Ende 1996 konnte den Aufstieg von Camenzind nicht
stoppen. Zunächst befürchtete Camenzind zwar, im grossen Mapei-Team
mit seinen vielen Stars als namenloser Helfer zu verkümmern.
Doch dann trat genau das Gegenteil ein: Bei Mapei verabschiedeten
sich Tony Rominger und Abraham Olano, und die neue Teamleitung
unter Ex-Weltmeister Giuseppe Saronni räumte dem jungen Camenzind
von Anfang an eine wichtige Rolle im Team ein.
In diesem Jahr musste der
Schweizer nicht mehr wie im letzten Jahr bei Panaria nach
dem Zufallsprinzip von Rennen zu Rennen hetzen, sondern erhielt
im Frühjahr wie Rominger und Zülle eine gut strukturierte
Saisonplanung. Diese enthielt auch eine sechswöchige Rennpause
vor den grossen Rundfahrten, so dass es Camenzind manchmal
schon fast langweilig wurde. Als er dann endlich wieder Rennen
fahren durfte, bestritt der ausgeruhte und erfolgshungrige
Oscar Camenzind Anfang Juni die Österreich-Rundfahrt, wo er
gleich den Prolog und die Königsetappe gewann. Diese Rundfahrt
diente ihm aber vor allem als Aufbaurennen für seine grossen
Saisonziele, die Tour de Suisse und die Tour de France.
Schon an der Tour de Suisse
hätte Camenzind einen Vollerfolg feiern können, wenn der als
Sportlicher Leiter von Mapei eingesetzte Belgier Patrick Lefèvre
etwas mehr Vertrauen in den Schweizer gehabt hätte. Statt
die Interessen von Leader Camenzind zu schützen, setzte Lefèvre
in der vieldiskutierten dritten Etappe von Basel nach La Chaux-de-Fonds
auf den in der Spitzengruppe mitfahrenden Italiener Valentino
Fois, der sich aber als Non-Valeur erwies. Zum Profiteur wurde
dadurch der spätere Tour-Sieger Christophe Agnolutto. «Vielleicht
war es ein Nachteil, dass ich in dieser Etappe Leader war»,
meinte Camenzind im nachhinein, «ich fühlte mich trotz des
Goldtrikots noch nicht als Tour-Favorit und rechnete damit,
dass die anderen Teams wie Telekom oder Once die Verantwortung
für das Rennen übernehmen wurden. Leider war dies eine falsche
Überlegung.»
Die Tour de Suisse war für
Camenzind dennoch eine positive Erfahrung. «Diese Tour war
ein enormer Schritt nach vorne für mich. Ich habe viel dazugelernt.
Zum Beispiel war dieser permanente Medienrummel ungewohnt
für mich.» Trotz des unglücklichen Rennverlaufs hegt Camenzind
keinen Groll gegen das Team. Manager Robert Ochsner hat sich
mit Giuseppe Saronni bereits auf eine Vertragsverlängerung
bis Ende 1999 geeinigt. Ochsner rechnet ohnehin damit, dass
sich die belgische GB-Fraktion (mit Weltmeister Johan Museeuw)
Ende Jahr von Mapei abspalten wird.
Leader an der Tour de France
Oscar Camenzind hingegen ist bei der italienischen
Squadra zur festen Grösse geworden. Das lässt sich auch an
den Dispositionen für die Tour de France ablesen. Für das
wichtigste Rennen der Saison ist er beim weltbesten Team (Nummer
1 der UCI-Weltrangliste) als einer drei Leadem neben Daniele
Nardello (It) und Franck Vandenbroucke (Be) gesetzt worden,
während der eigentliche Rundfahrtenleader Pawel Tonkow (Rus)
gar nicht zum Aufgebot gehört. «Keiner von uns gehört zu den
Tourfavoriten», denkt Camenzind, «aber als unbeachtete Aussenseiter
'können wir uns vielleicht irgendwo anhängen und für Überraschung
sorgen».
Einen Platz unter den ersten
im Schlussklassement hält Camenzind durchaus für möglich,
«noch lieber würde ich eine Etappe gewinnen. Mit der Erfahrung
aus dem letzten Jahr wird mir die Tour diesmal sicherlich
leichter. Allerdings bin ich jetzt schon zehn Tage lang in
der Tour de Suisse immer voll gefahren, während sich andere
noch geschont haben und vielleicht mehr Reserven haben den.»
Dass sich Spitzenergebnisse
der Tour de Suisse und der Tour de France nicht gegenseitig
ausschliessen müssen, haben schon Alex 1995 (Zweiter in beiden
Rennen und der Österreicher Peter Luttenberger 1996 (1. Tour
de Suisse, 5. Tour de France) gezeigt. Die Konkurrenten nehmen
sich auf jeden Fall in acht vor dem Aufsteiger des Jahres.
«Für mich zählt Camenzind zu den Favoriten für die Tour»,
meinte zum Beispiel Alex Zülle aus berufenem Mund.
Ivo Riesco
28.12.97 Tour-Sieger und Herzgewinner
Sonntags Zeitung Sportrückblick/
Erinnern Sie sich noch an Christophe Agnolutto? Oder ist seine
Bekanntheit schon wieder dort, wo sie am 19. Juni war, nahe
der Nullgradgrenze?
An jenem Donnerstag begann
für den Veloprofi Agnolutto, der zuvor eher einmal abgefallen
denn aufgefallen war und der nur als Ersatz wegen einer Unpässlichkeit
seines Teamleaders Pascal Richard zur Tour de Suisse gekommen
war, die bisher grösste Woche seines Sportlerlebens. In der
dritten Etappe, von Basel nach La Chaux-de-Fonds, fuhr er
67 km lang voraus. Zuerst in Begleitung, dann allein zum Sieg.
Weit hinten schaukelte das
Feld nach einer anfänglichen Hatz über die ersten 50 km nur
noch dem Feierabend entgegen, und darin fühlte sich der Innerschweizer
Oscar Camenzind von seiner Mannschaft verschaukelt. Er, der
alte Leader, hatte im Ziel 11:23 Minuten Rückstand auf den
neuen, den grossen Unbekannten im bekannten Goldtrikot: Christophe
Agnolutto, Franzose im zweiten Profijahr, 27, und zuvor mit
erst einem Sieg dekoriert.
Camenzind machte sich in den
restlichen sieben Tour-Tagen auf die Jagd nach dem verlorenen
Schatz. Agnolutto verteidigte ihn. Sein Vorsprung schmolz
wie der Sommerschnee, der einen Teil der Königsetappe verhindert
hatte. Aber ein Rest von gut zwei Minuten blieb.
Am Ende war Christophe Agnolutto
der ungeliebte Sieger der Tour, welche mit Zülle und Rominger,
mit Riis und Ullrich die grösste seit Kübler/Koblet hätte
werden sollen. Und Oscar Camenzind hatte "nur" zwei
Etappen und das Punkteklassement gewonnen - aber mit seiner
erfrischenden Art die Herzen der Schweizer Sportfans. (Daniel
Wehrle)