Oscar Camenzind
WM 2000

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Rad-WM in Plouay

 

15. 10. 2000
Romans Vainsteins erster Profi-Weltmeister aus dem Osten

Im WM-Rennen der abwesenden Champions hat erstmals ein Fahrer des früheren Ostblocks den Titel eines Strassenweltmeisters der Radprofis gewonnen. In Plouay (Fr) siegte der Lette Romans Vainsteins im Spurt vor Zbigniew Spruch (Pol) und dem Ersten des letzten Jahres, Oscar Freire (Sp). Niki Aebersold erreichte im 6. Rang das beste Ergebnis der Schweizer.

[si/man] - Oscar Camenzind (16.) sprach von einem “unmöglichen Rennen”. Der Innerschweizer hatte insofern Recht, als sich das Taktieren beinahe unendlich lange hinzog. Auf der zu wenig selektiven Strecke war abzusehen, dass den Ausreissern im Final kein Glück beschieden sein würde.



Schweizer: Auftrag erfüllt

Neben dem Innerschweizer gehörte auch Mauro Gianetti (22.) jener Gruppe von 25 Fahrern an, die nach 270 km um den WM-Titel spurtete. Niki Abersold musste dabei am Schluss einer für ihn enttäuschenden Saison erkennen, dass Gegner vom Kaliber eines Vainsteins doer Spruch für ihn zu schnell waren. Dennoch überraschte der Berner mit seiner Leistung. Das Gleiche gilt nach seiner Verletzungspause für Beat Zberg (27.), der nur wegen eines Reifendefektes in die erste Verfolgergruppe relegiert wurde. Laurent Dufaux gab 30 km vor Schluss mit kraftlosen Beinen auf. Auch Markus Zberg war den Anforderungen im turbulenten Final nicht gewachsen.

Mit Roger Beuchat in einer frühen Fluchtgruppe und drei Fahrern im Final in der Spitze erfüllten die Schweizer die Vorgabe von Coach Wolfram Lindner. In den vorentscheidenden Phasen vermochten die helvetischen Berufsfahrer allerdings kaum, Einfluss auf das Rennen zu nehmen.

Neu in belgischen Diensten

Für Romans Vainsteins hat sich der Verzicht auf die Olympischen Spiele in Sydney ausbezahlt. Der Lette konnte sich gezielt auf den Titelkampf in der Bretagne vorbereiten, bei dem er in jeder Hinsicht freie Hand genoss. Als Angehöriger eines mit lediglich drei Elite-Fahrern angetretenen Verbandes konnte er sich auf die Manöver der grossen Nationen konzentrieren. Zudem hatte er keine grossen Rücksichten auf seinen Geldgeber zu nehmen, als der neue Weltmeister die nächste Saison bei der neuen Sportgruppe Domo-Farm Frites in Belgien bestreiten wird.

Belgien war auch die Wahlheimat des lettischen Nationalteams der Amateure, als die baltischen Nationen 1990 ihre Freiheit von der früheren Sowjetunion zurück gewannen. Nach sechs Jahren des Zigeunerlebens in Europa und den USA kam Vainsteins vor drei Jahren nach Italien. Ein Jahr bei Kross-Selle Italia, seither Vini Caldirola hiessen Vainsteins bisherige Stationen im Profi-Metier.

Letztes Jahr misslang Vainsteins in Tirreno - Adriatico der Gesamtsieg, weil er zusammen mit anderen Fahrern in einer Etappe fehl geleitet wurde. Der Lette revanchierte sich sechs Wochen später auf Schweizer Boden mit seinem Sieg im GP des Kanton Aargau in Gippingen. An dieser WM stand ihm mit Arvis Piziks ein einziger Landsmann als Helfer zur Verfügung, nachdem Raivis Belohvosciks schon früh aufgegeben hatte.

In dem von Michele Bartoli lancierten Endspurt kam Vainsteins vom Hinterrad Spruchs weg zum grössten Erfolg seiner Laufbahn. Mit dem Gewinn der Silbermedaille krönte der Pole eine starke Mannschaftsleistung. Als Dritter auf dem Podium war der letztjährige Weltmeister Oscar Freire enttäuscht. Der Spanier touchierte auf den letzten Metern das Hinterrad Bartolis und war deshalb zu einem Bremsmanöver gezwungen.

Bartoli mehr als enttäuscht

Im wiederholten Anlauf ist Michele Bartoli gescheitert, die WM-Krone nach Italien zu holen. Seit der Doublette Gianni Bugnos 1992/92 jagen die Italiener vergeblich dem WM-Titel hinterher. Schon 40 km vor Schluss setzte die Squadra azzurra zu einer konzertierten Aktion an, die ebenso wenig eintrug wie die weiteren Angriffe Bartolis und Francesco Casagrandes. Im Ziel war Bartolis Enttäuschung so gross, dass er jegliche Auskünfte verwiegerte.

Vor 250‘000 Zuschauern hofften die Franzosen auf einen Erfolg, zumal erstmals seit drei Jahren wieder Richard Virenque und Laurent Jalabert am Start standen. Letzterer stieg 30 km vor Schluss vom Rennvelo, weil er sich von seiner Magenverstimmung noch nicht erholt hatte, die ihn am Donnerstag zum Verzicht auf die Zeitfahren-WM gezwungen hatte. Nach Jalaberts Aufgabe ging das Tricolore-Team völlig unter.

Mit zwei taktisch geschickt vorgetragenen Angriffen versuchte Andrej Tschmil, einer Spurtankunft auszuweichen. Dem gebürtigen Russen mit belgischem Pass und Wohnsitz am Gardasee war auf der zu wenig anforderungsreichen Strecke kein Glück beschieden. Jetzt bleibt Tschmil nur noch als Ziel, am kommenden Samstag mit einem Sieg in der Lombardei-Rundfahrt den Gesamt-Weltcup für sich zu entscheiden.

Elite (268,8 km):

 1. Romans Vainsteins (Lett) 6:15:28 (42,963 km/h)
 2. Zbigniew Spruch (Pol)
 3. Oscar Freire (Sp)
 4. Michele Bartoli (It)
 5. Tobias Steinhauser (De) 
 6. Niki Aebersold (Sz)
 7. Scott Sunderland (Au)
 8. William McRae (USA)
 9. Paolo Bettini (It)
10. Francesco Casagrande (It) 

11. Michael Boogerd (Ho)
12. Axel Merckx (Be)
13. Gorazd Stangelj (Sln)
14. Niklas Axelsson (Sd)
15. David Bruylandts (Be)
16. Oscar Camenzind (Sz)
17. Maximilian Sciandri (Gb)
18. Jean-Cyril Robin (Fr)
19. Andrej Tschmil (Be)
20. Raimondas Rumsas (Lit) 

21. Nico Mattan (Be)
22. Mauro Gianetti (Sz)
23. Bo Hamburger (Dä)
24. Chris Peers (Be)        alle gleiche Zeit
25. Davide Rebellin (It)    0:02
26. Stéphane Heulot (Fr)    0:52
27. Beat Zberg (Sz)         gleiche Zeit
28. Gianni Faresin (It)     0:53
29. José Luis Rubiera (Sp) 
30. Manuel Beltran (Sp)     beide gleiche Zeit

Ferner: 

32. Richard Virenque (Fr)   gleiche Zeit
44. Fabian Jeker (Sz)       3:17
45. Rolf Huser (Sz)
49. Markus Zberg (Sz)       beide gleiche Zeit
54. Alex Winokurow (Kas)    8:20
56. Daniel Schnider (Sz)    gleiche Zeit
84. Pierre Bourquenoud (Sz) 12:20

157 gestartet, 109 klassiert

Aufgegeben u.a. 
Roger Beuchat, Laurent Dufaux, Marcel Strauss (alle Sz), 
Laurent Jalabert (Fr) und Sergej Gontschar (Ukr).

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News

13. 10. 2000
Verzögerte WM-Anreise der Schweizer Profis

Die auf den letztmöglichen Zeitpunkt angesetzte Anreise der Schweizer Radprofis zur WM in Plouay (Fr) hat sich verzögert. Statt am Freitagnachmittag treffen die elf Fahrer erst in der Nacht zum Samstag in der Bretagne ein. Lediglich Mauro Gianetti, der einen Flug via Italien gebucht hatte, traf rechtzeitig am WM-Ort ein, allerdings ohne sein Rennvelo.

[si/man] - Aus Kostengründen war vom Verband ein französischer Inlandflug ab Basel nach Lorient gebucht worden. Den elf Schweizer Teilnehmern des Eliterennens war der Abflug ab Basel um 8 Uhr nicht genehm, weshalb eine spätere Variante gewählt wurde. Weil dieses Flugzeug aber mit Verspätung abhob, verpassten die Schweizer in Paris den Anschluss.

Flugzeug-Crew fehlte

Zwar war Air France bereit, ein Sonderflugzeug zur Verfügung zu stellen. Dafür stand aber keine Besatzung bereit. Die Camenzind, Zbergs, Dufaux usw. müssen sich deshalb bis in die frühe Nacht gedulden, bis sie auch die zweite Teilstrecke von der französischen Hauptstadt bis in die Bretagne hinter sich bringen konnten. Und schliesslich steht ihnen noch eine Autofahrt von 70 km in ihr Hotel in Concarneau bevor.

Nach dem Motto, dass die Letzten die Ersten sein werden, überwinden die Schweizer Radprofis am Sonntag vielleicht ihr Pech, das ihnen am Freitag, dem 13. Oktober widerfuhr...

 

Der Radsport liebt die Märchen

VON MARTIN BORN

PLOUAY - Niki Aebersold hat es ausgerechnet. Erst in 14 Jahren wird an einem Freitag, dem 13., wieder der Vollmond scheinen. Das beruhigt. So wird sich ein Tag, wie er ihn am Freitag erlebte, als er mit seinen Kollegen an die WM nach Plouay reiste, vor Ende seiner Karriere nicht wiederholen. Die Schweizer Profis hatten ihre Anreise zur WM auf den spätest möglichen Zeitpunkt geplant. Während die Fahrer der andern grossen Mannschaften am Donnerstag in der Umgebung von Plouay ankamen und am Freitag die Strecke besichtigten, zogen es die Schweizer vor, am Donnerstag daheim noch einmal hart zu trainieren.

Die Anreise schien einfach, wurde aber kompliziert

Die Reise von Basel ins Hotel "L'Océan" von Concarnasse war auf dem Papier einfach. In der Praxis wurde es komplizierter. Der Abflug in Basel verzögerte sich, das Flugzeug nach Lorient flog ohne Schweizer ab, nach vier Stunden Wartezeit stand in Orly zwar ein Flugzeug bereit, doch die Crew fehlte, und die Fahrer durften sich im Restaurant von Orly verpflegen. Doch noch bevor der Hauptgang auf dem Tisch stand, kam die Aufforderung, im Bus Platz zu nehmen, der sie zum Flughafen Charles de Gaulle bringen würde. Die Fahrer eilten hinaus, doch eine Stunde später sassen sie noch immer im Bus, der sich noch nicht um einen Zentimeter bewegt hatte. Um neun Uhr abends waren sie dann endlich in der Luft, um elf im Hotel. Dort erwartete sie Mauro Gianetti, der Concarnasse auf einem andern Weg erreicht hatte. Auch der Tessiner war nicht glücklich: Sein Gepäck inklusive Velo war nicht angekommen.

Murphys Gesetz steht unter dem Titel: Wenn etwas schief läuft, läuft alles schief. Gilt das Gesetz auch für die Schweizer, so werden sie heute Sonntag auf dem 14,1 Kilometer langen Rundkurs von Plouay erstmals seit vier Jahren nicht in den Kampf um die WM-Medaillen eingreifen können. Gilt Murphys Gesetz, wird das Profirennen zum Spiegelbild einer missratenen Saison, mit missratenen grossen Rundfahrten, missratenen Olympischen Spielen und nur zwei bedeutenden Siegen bei den wichtigsten Heimspielen: jenem von Oscar Camenzind in der Tour de Suisse und jenem von Laurent Dufaux in der MvZ.

An diese Möglichkeit mag im Schweizer Team indessen keiner denken. Vielmehr setzen die Fahrer auf die jüngste mit Medaillen gesegnete WM-Tradition. Seit Wolfram Lindner die Mannschaft führt, hat sie das Rennen stets mitbestimmt und meist auch kontrolliert. 1996, als Mauro Gianetti Silber gewann, 1998, als Oscar Camenzind Weltmeister wurde, und 1999, als Markus Zberg hinter Oscar Freire Zweiter wurde, waren die Schweizer im Finale gar die Stärksten.

Trotzdem zählt Lindner sein Team nicht zu den Favoriten. Für ihn ist klar, dass Italiener, Holländer, Spanier, Franzosen und Belgier mit Bartoli, Boogerd, Freire, Jalabert und Tschmil je einen Topfavoriten in ihrer Mannschaft haben. "Nach Sydney wird man weniger auf uns schauen", hofft auch Markus Zberg. Das Olympiarennen ist für die Schweizer höchstens noch eine schlechte Erinnerung oder die missratene Hauptprobe. "Weil ich die Vuelta fertig fahren musste, war ich in Sydney zu müde", sagt Oscar Camenzind. Auch Markus Zberg und Laurent Dufaux empfanden die Zeit, um sich zu akklimatisieren, als zu knapp. Nur Mauro Gianetti hatte sich in Sydney gut gefühlt.

Oscar Camenzind hat nach der Rückkehr aus Sydney während einer Woche "fast nur geschlafen", wie er sagt. "Ich war völlig kaputt, und erst nach einer Woche hatte ich auf dem Velo wieder ein einigermassen gutes Gefühl." Das war vor zehn Tagen. Seither hat er sich beim Weltcuprennen Paris-Tours selbst überrascht und mit harten Trainings an seiner Form gefeilt. "Ich bin bereit", sagt er. Seit er 1996 als Profineuling die grosse Schweizer Attacke bei der WM von Lugano während fast hundert Kilometern angeführt hat, weiss er, dass die WM sein Rennen ist. Das stimmt ebenso zuversichtlich wie der Blick aus dem Fenster: Es regnet. "Mir soll das recht sein", sagt er. Bei ähnlichen Bedingungen wurde er 1998 in Valkenburg Weltmeister.

Camenzind wird einer jener Schweizer sein, die all ihre Kräfte für das Finale auf den letzten vier Runden sparen werden, wenn die Fahrer über 200 Kilometer in den Beinen haben und die Härte entscheidet. Markus Zberg, der die Strecke von Plouay, auf der er 1999 beim GP Ouest France den zweiten Platz belegt hatte, bestens kennt, wird der zweite Leader sein, MvZ-Sieger Laurent Dufaux der dritte. Mauro Gianetti wird als "capitaine de route" wirken, dabei aber mehr an sich selber denken als vor einem Jahr.

Der Weg zurück an die Spitze war für Beat Zberg lang und hart

Der Urner Beat Zberg fühlt sich frisch, in Form und unheimlich motiviert. Das liegt daran, dass es an ein Wunder grenzt, dass er in Plouay überhaupt am Start ist. Beat Zberg zog sich bei einem Sturz im April an der Baskenland-Rundfahrt derart schwere Verletzungen zu, dass das Entfernen einer Niere befürchtet werden musste. Während zweier Monate konnte er danach nicht trainieren, sein erstes Rennen bestritt er erst wieder Ende Juni. Der Weg zurück an die Spitze war lang und hart. Bei der Lucca-Rundfahrt, dem letzten WM-Vorbereitungsrennen, fühlte er, dass er es geschafft hatte. Als er dort in einer Steigung angriff, litten die Gegner. Giosué Zenoni, der Sportliche Leiter von Francesco Casagrande und Mauro Gianetti, war von der Aktion derart beeindruckt, dass er Zberg zu seinem Geheimfavoriten erkor.

Als Oscar Freire vor einem Jahr den Titel gewann, hatte er eine ähnliche Leidensgeschichte hinter sich. Der Radsport hat eine Vorliebe für Märchen. 

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