1998 - Weltmeisterschaft


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Camenzind_WM_1.jpg (14262 Byte)11.10.98 - Oscar Camenzind fährt in Regen und Wind zum Weltmeistertitel

(si/ff) Zum dritten Mal nach Hans Knecht (1946) und Ferdi Kübler (1951) stellt die Schweiz wieder den Strassen-Weltmeister der höchsten Kategorie. Bei regnerischer Witterung riskierte der 27jährige Gersauer Oscar Camenzind an den Strassen-Weltmeisterschaften in Valkenburg (Ho) 14 Kilometer vor dem Ziel einen Vorstoss, der ihm den Solosieg mit 23 Sekunden Vorsprung auf Peter van Petegem (Be) und 24 Sekunden vor Michele Bartoli (It) Eintrug. Niki Aebersold rundete die Schweizer Bilanz mit dem 5. Platz ab.

In der offensiven Art, wie das WM-Rennen der Radprofis ausgetragen wurde, gehörte es zu den spektakulärsten der vergangenen Jahre. Das schlechte Wetter mit Regen, Wind und tiefer Temperatur schien die Angriffslust der Elite-Fahrer zu steigern. Obwohl Coach Wolfram Lindner unter den Schweizern nicht ganz jene Harmonie zustande brachte, die er sich vorgestellt hatte, wartete das helvetische Dutzend mit einer beeindruckenden Vorstellung auf.

Die Schweizer waren bei praktisch jeder Offensivaktion dabei. Als sich 50 km vor Schluss die
vorentscheidende Aktion ergab, gehörte neben Camenzind und Aebersold auch Markus Zberg der Spitze an. Dem Urner widerfuhr das Pech, dass er vor der zweitletzten Zielpassage von einem Zuschauer, der sich über die Abschrankung lehnte, zu Fall gebracht wurde.


Erster Saisonsieg

Es dürfte nur wenige Fahrer geben, die nach ihrem ersten Saisonsieg zugleich auch das Regenbogentrikot überstreifen durften. Camenzind hatte als Luxushelfer von Pawel Tonkow (Russ) den Giro als Gesamt-Vierter beendet, danach aber wegen einer Operation am Gesäss eine längere Pause einschalten müssen. Im August nahm der fühere Pöstler die Renntätigkeit wieder auf. Die Vuelta figurierte nicht in Camenzinds WM-Vorbereitungsprogramm. Auf Geheiss seines Patrons Dr. Giorgio Squinzi musste er als Tonkow-Ersatz die Spanien-Rundfahrt bestreiten, und diese über 3500 Rennkilometer haben sich im nachhinein als segensreich erwiesen.

Squinzi hätte den neuen Weltmeister gerne in seinem Mapei-Team behalten. Von spanischer Seite (Vitalicio) lag Camenzind sogar ein Angebot über zwei Millionen Franken vor. Doch der Innerschweizer ist vertraglich an das Duo Giuseppe Saronni/Pietro Algeri gebunden, das mit Lampre für nächste Saison eine neue Sportgruppe ins Leben rufen wird, in der sich Camenzind mit Tonkow in die Leaderrolle teilen wird.

Seinen bedeutendsten Triumph hat Camenzind nicht nur mit seinen guten Beinen, sondern auch mit Köpfchen erzielt. Im Verlaufe der ersten 180 km hat sich der Innerschweizer regelmässig verpflegt, was angesichts der Kälte und der Nässe äusserst wichtig war. Danach war für Camenzind klar, dass er es nicht auf einen Spurt ankommen lassen durfte. Von den zuletzt verbleibenden Gegnern Bartoli, van Petegem und Armstrong wäre er mit grosser Sicherheit in Schach gehalten worden. Und nicht zuletzt setzt Camenzinds Triumph ein Glanzzeichen für den Schweizer Radsport, der in diesem Sommer durch die in den Festina-Dopingskandel verwickelten Alex Zülle, Armin Meier und Laurent Dufaux arg gebeutelt worden ist. Noch nicht vergessen ist auch der generöse Einsatz Camenzinds vor zwei Jahren in Lugano, mit dem er Mauro Gianetti zum Gewinn der Silbermedaille verhalf.

 

1. Oscar Camenzind (Sz) 6:01:30 (42,822 km/h).

2. Peter van Petegem (Be) 0:23.

3. Michele Bartoli (It) 0:24.

4. Lance Armstrong (USA)1:08.
5. Niki Aebersold (Sz) 1:09.
6. Michael Boogerd (Ho) 1:10.
7. Marc Wauters (Be) 4:31.
8. Andrea Tafi (It) 4:44.
9. Raimondas Rumsas (Lit).
10. Udo Bölts (De).
11. Roman Vainsteins (Lit), alle gleiche Zeit.
12. Emmanuel Magnien (Fr).
13. José Garcia Acosta (Sp) 5:23.
14. Andrej Sintschenko (Russ) 11:11.
15. Lauri Aus (Est) 14:45.
16. Jacky Durand (Fr) 14:46.
17. Oscar Freire (Sp).
18. Martin Hvastija (Sln).
19. Andrej Kiwiljew (Russ).
20. Jan Kirsipuu (Est).

Ferner die weiteren Schweizer:
33. Beat Zberg.
35. Mauro Gianetti.
43. Pascal Richard.
59. Felice Puttini, alle gleiche Zeit.

152 gestartet, 66 klassiert.

Aufgegeben u.a. die Schweizer Roland Meier, Rolf Järmann, Franz Hotz, Fabian Jeker,
Daniel Schnider (alle nach 172 km) sowie Markus Zberg (224 km).